jazz in e.

Ein Festival aktueller Musik. Jedes Jahr zu Himmelfahrt. In Eberswalde.

Atemlos durch die Nacht

Der Festivalblog von Thomas Melzer,
mit Fotos von Torsten Stapel und Grafiken von Mattias Schwarz

Fünfte Atemübung
Oh Happy Day: Lobpreisung der guten Butter

Endresen Selbst Eberswaldes Malerfürst Paul Wunderlich hat vorsorglich eine Anmerkung zum Atem-Festival hinterlassen: „Ein Leben lang Maler zu sein, ist kein Vergnügen. Jeden Morgen liegt der Stein wieder unten am Berg und ich möchte tatsächlich wissen, woher manche beim beschwerlichen Hinaufrollen noch den Atem nehmen zu singen.“ In den Gängen der nach ihm benannten Festivalstätte hängen neben seinen ausgearbeiteten Bildern zahlreiche Skizzen. Auch Sidsel Endresen, quasi eine Fürstin der freien Vokalmusik, bestritt ihren gestrigen Auftritt gleichsam mit Skizzen. Es waren mit dem Mund entworfene Lautmalereien und Klangcollagen, die zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten der menschlichen Stimme verdeutlichten - außer jener zu singen. Wahrscheinlich lässt sich dieses Konzept der 64-jährigen Norwegerin nur mit dem Urimpuls des Free Jazz erklären, einen Gegenpol zur bürgerlichen Hochkultur zu setzen und diese von dort zu dekonstruieren. Eine größere künstlerische Differenz als etwa jene zwischen einer Opernarie und den von Endresen vorgetragenen Stücken ist kaum denkbar. Im Festivalpublikum – der Opernaffinität unverdächtig – schieden sich daran die Geister. Auch Endresen selbst fand nicht alles gut, was sie skizzierte: Ihre Zugabe brach sie mit den Worten ab „it’s not very good, it’s really not good, sorry!“ Dem Vernehmen nach hatte sie vorab selbst angeboten, in einer Duo-Konstellation aufzutreten. Vermutlich wäre sie so dem Großteil des Publikums näher gekommen. Gleichwohl ist es aufgegangen, zu Beginn eines jeden Festivalabends Musikerpersönlichkeiten konsequent in Solokonzerten erlebbar werden zu lassen, sie aus dem Versteck des Kollektivspiels herauszuholen. Für den Dauerbesucher ergab sich hier darüber hinaus eine kontrastierende Vielfalt der Instrumente und Stile.

Hütte

Zum Abschluss des Festivals wurde dann richtig gesungen: viel, inbrünstig und traditionell. Max Andrzejewski, auch so ein Eberswalde-Treuepunkte-Sammler, stellte sein neues Projekt vor: Hütte-Band mit Gospel-Chor machen Lieder übers Essen. Traditionell handelt das Gospellied bekanntlich von Jesus Christus und so muss die Profanisierung zunächst erschrecken: Schwarz3 Die Musiker sind durchweg um die 30 und thematisieren ausschließlich etwas, das gemeinhin als Sex des Alters gilt. Doch was soll’s, sagt Andrzejewski, er sei nicht im herkömmlichen Sinne gläubig und Essen heutzutage eine Art Ersatzreligion: „You eat what you are“. Immerhin ist das Sujet sinnlich und damit dem schwelgerischen Gospel angemessen: Ein Hallelujah der guten Butter! Wer einmal die Sonntagsmesse einer afroamerikanischen Gemeinde miterlebt hat, weiß, dass dort auch alltäglicher Lebensrat verteilt wird. Auch der Hütte-Gospel ist aufklärerisch. Im Song „Starving. Anorexic“ thematisiert er die Magersucht, die an vielen Schulen dem Kiffen als Problem längst den Rang abgelaufen hat. (Grafiken, von links: Sidsel Endresen, Johannes Schleiermacher)

Essen zum Gegenstand von Jazzmusik zu machen, ist aber vor allem deshalb eine glänzende Idee, weil beiden das Improvisieren naturgemäß eigen ist. Ich rede hier nicht von dem im Internet kursierenden Ratgeber-Quatsch a ’la „15 geniale Zutaten, mit denen du Eier ersetzen kannst“. Ich rede auch nicht von den Bioladen-Missionaren, die Quinoa statt sündigem Weizen und Stevia statt sündigem Zucker predigen. Der Food-Gospel von Hütte+Chor ist keiner des Verzichts, dem Zucker widmen sie ein ganzes Lied. Ihre Improvisationen sind im Sinne der berühmten Empfehlung von Marie Antoinette, statt Brot doch einfach Kuchen zu verwenden.

Team Ein letztes Bier, eine erste Rückschau: Publikumsfavorit war, sofern sich das an der Anzahl der verkauften Tonträger messen lässt, das Konzert von Clemens Pötsch, gefolgt von Shake Stew. Die Blitzumfrage unter den Jazzaktivisten spiegelt unterschiedliches Erleben, aber allgemeinen Konsens, was den Kammermusikabend mit Clemens Pötsch und Trara angeht. Der markierte auch für mich den Höhepunkt. Den Jazzaktivisten-Orden „Held der Arbeit“ bekommt in diesem Jahr zweifelsfrei Tim Altrichter umgehängt. An allen Abenden produzierte er im runden Festivalsaal einen wunderbar runden, natürlichen und transparenten Klang. Auch an den zehn Stimmen und vier Instrumentalisten des Abschlusskonzertes scheiterte er nicht, was ihm so viel Lob einbrachte, dass er jenseits seines froschgrünen Festivaltrikots die Farbe des Programmhefts annahm.

Auf der Rückfahrt im Auto „Hunter, Gatherer“ gehört, den Hütte-Gospel über FLEISCH. Jagderfolge: Fehlanzeige.

Vierte Atemübung
Trara als frühkindlicher Entwicklungsfaktor

Pötsch Möglicherweise war es der Name des österreichischen Trios „Trara“, der junge Jazzeltern animiert hatte, ihr Baby mit ins Konzert jener Formation zu bringen, wo es sich in einem der ersten Lieder mit vergnüglichem Schnaufen vernehmen ließ. Eröffnet hatte diesen dritten Festivalabend zuvor Clemens Christian Pötsch am schwarzen Flügel, und abgesehen davon, dass in beiden Konzerten tatsächlich generationenübergreifend musiziert wurde, war der Abend insgesamt von einiger jazzpädagogischer Bedeutung. Bestätigte er doch sehr schön das Vertrauen darauf, dass bei Jazz in E. irgendwann immer wieder auch das Herz angesprochen wird, mag es zwischenzeitlich für andere Körperteile noch so anstrengend sein. In der Entwicklungspsychologie nennt man das Objektpermanenz – die Dinge existieren weiter, auch wenn sie aus dem Blickfeld geraten. Mag die Improvisation noch so fremd, ausufernd und atonal sein – hab‘ Vertrauen, das melodische Grundmotiv kommt wieder und bringt dich in den bekannten Hafen zurück! Diese kognitive Fähigkeit erwerben Menschen nur im Kleinkindalter und durch Erfahrung. Also: Heben Sie die Nuckelflasche auf, wenn Ihr Baby sie immer wieder vom Tisch fegt! Schauen Sie nach dem weinenden Kind, auch wenn es scheinbar keinen Grund zum Weinen haben dürfte! Beherzigen Sie dies, wird es Sie einst furchtlos und freiwillig zu Jazz in E. begleiten. Tun Sie es nicht, treiben Sie es Helene Fischer in die Arme.

Schwarz2 Nach diesem entwicklungspsychologischen Exkurs – der altersbedingt für viele Festivalpassinhaber leider zu spät kommen dürfte –, gilt es noch die Frage zu klären, ob Clemens Christian Pötsch im menschlichen Gehörgang eine Stelle ausfindig gemacht hat, die der Achillesferse entspricht. In der Pause nach seinem Konzert sah man auffällig viele Besucher mit feucht schimmernden Augen, offenbar heftig getroffen. Des Deutschen Empfänglichkeit für die Romantik! Allerdings resultiert die Romantik des Dresdner Pianisten nicht nur aus der Betrachtung der Elbwiesen im Mondschein. Er ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass Reisen keine Fluchten vor sich selbst sind, sondern zu sich selbst erst führen. Wer mit sorbischem Familienhintergrund seine Musik in einem walisischen Tonstudio aufnimmt und auf japanischen Bühnen spielt, findet auf der Klaviatur nach und nach die ganze Welt wieder. Als vor einigen Jahren Michael Wollny mit seiner Platte „Weltentraum“ endgültig zum Superstar wurde, schrieb ich bedauernd, dass Jazz in E. ihn sich künftig nicht mehr wird leisten können. Ich sage mal: Die Lücke ist geschlossen. (Grafiken, von links: Clemens Christian Pötsch, Manu Mayr, Klemens Lendl)

Trara Von der Musik Clemens Christian Pötschs durch und durch weichgespült waren wir für die Wiener Melancholie des Trara-Trios leichte, aber auch durch und durch willige Beute. Wer vor drei Jahren das Festivalkonzert der „Strottern“ erlebt hatte, wusste, auf welche Schwelgerei er sich einstellen konnte. Aber auch auf welch perfide und damit wohl typisch Wienerische Ambivalenz: Während man sich stetig wünscht, das gerade zu hörende Lied möge niemals enden, wünscht man sich im gleichen Atemzug, es möge bald schon enden, weil man die charmanten, geistreichen, witzigen Moderationen Klemens Lendls kaum erwarten kann. Lachende Atemnot! Forderungen nach einer dauerhaften Festival-Wildcard für Bands um Klemens Lendl wurden anschließend laut. Er würde gern wieder nach Eberswalde kommen, verkündete jener von der Bühne, müsse dazu aber wohl eine neue Formation gründen, weil Udo Muszynski die gleiche Band nie zweimal einlade. Lieber Klemens Lendl, nur dieselbe Band nicht, die gleiche sehr wohl! Benennen Sie „Trara“ einfach um und kommen Sie im nächsten Jahr wieder. Bitte!

Dritte Übung
Vom Alltagsnutzen der Zirkularatmung

ParkerMein Gott, es ist Himmelfahrt, vulgo Herrentag, da muss die Frage erlaubt sein: Mr. Parker, ein ganzes Konzert nur mit einem Saxophon zu bestreiten, ist doch wie Sex ohne Partner, isn’t it? Evan Parker hält das für eine seriöse, gleichwohl wunderliche Frage. „Aber das Saxophon ist doch mein Partner“, sagt er. Hat es einen Namen? „Nein.“ Gehört es zur Familie? „So weit würde ich nicht gehen.“ - Evan Parker hat sein erstes Solokonzert im Jahr 1974 gespielt, in Eberswalde gibt er in einer Stunde Nummer eintausendundnochwas. Störe ich, so kurz vor dem Auftritt? „Nein, setzen sie sich.“ Haben sie vor dem Konzert ein bestimmtes Ritual? „Ich gehe meine Hände waschen.“

Es liegt wohl an der Stimme von Lucia Cadotsch, dass ich am Nachmittag den Wunsch verspüre, der Sängerin Eberswalde von oben zu zeigen. Doch ach, Pfarrer Giering ist beim Kirchentag in Berlin und so bleibt uns der Turm von Maria Magdalenen verschlossen. Wir nehmen den Ahnenweg, an der Kirche vorbei in die Schweizer Straße. Lucia Cadotsch packt Schokolade aus. Ah, Schweizer Schokolade, sage ich. „Nee, deutsche Schokolade“, sagt sie, „ich lebe seit 15 Jahren schon in Kreuzberg.“ Ist trotzdem noch irgendetwas Schweizerisches an dir? „Ich schätze das Gediegene, Solide, die Qualität.“ Ist dafür Berlin nicht der falsche Ort? „Wieso? In Berlin findest du alles. Berlin ist die Hauptstadt der Diversität.“

Mr. Parker, haben sie schon entschieden, mit welcher Note sie das heutige Konzert beginnen? „Nein. Das geschieht erst, wenn ich das Instrument an die Lippen setze. Da gibt es so viele Möglichkeiten. Mein Kopf ist wie eine Bibliothek. Erst wenn ich zwischen den Regalen stehe, entscheide ich spontan, welches Buch ich herausziehe. Darin blättere ich dann ein bisschen herum und so wird sich zeigen, wie es weitergeht.“ Gerade als Engländer, stört es sie nicht auch, dass der freie Jazz von so wenig Humor durchzogen ist? Diese Frage hält er für berechtigt und grübelt ein bisschen: „Stimmt, die Szene ist schon sehr ernsthaft. Allenfalls findet man gelegentlich etwas Lightheartedness (was sich mit Vergnüglichkeit oder Heiterkeit übersetzen ließe). Ich weiß auch nicht, vielleicht benötigt Humor doch der Worte. Schauen sie, Phil Minton, der ist Sänger und hat auch Humor!“

Schwarz1a Mit Lucia Cadotsch komme ich am Denkmal für die ehemalige Synagoge vorbei. Sie möchte es umrunden und packt danach die Schokolade weg. Am Weidendamm frage ich, warum der Jazz so wenige Musikerinnen anzieht. Bei den Konzerten der Jazzahead! jüngst in Bremen war das Genderverhältnis eine Katastrophe. Lucia Cadotsch guckt etwas genervt, der Erörterung dieses Themas ist sie offensichtlich müde: „Die Szene ist halt noch immer ziemlich altbacken. So lange es zum Beispiel an Universitäten Professoren gibt, die freimütig bekunden, Frauen haben am Schlagzeug nichts zu suchen, werden Musikerinnen einfach benachteiligt. - Wo jetzt die schweren Themen einmal offen sind, kann ich auch gleich weitermachen. Hast du in deiner Karriere je Angst gehabt, die Miete nicht bezahlen zu können? Ihre Augen leuchten wissend: „Oh ja, diese Angst kenne ich. Es gab Phasen, da habe ich überlegt, alles aufzugeben und etwas komplett anderes zu machen. Aber seit vier Jahren erhalte ich ein Stipendium, so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das hat mir die Freiheit gegeben, mich auszuprobieren, mich zu entwickeln.“ - Wir haben das Hotel am Brunnenberg erreicht, die Jazz in E.-Herberge. Dort wird sich Lucia Cadotsch jetzt auf den Abend einsingen. (Grafiken, von links: Evan Parker, Lucia Cadotsch)

Mit Evan Parker plaudere ich über den verehrten Robert Wyatt, bei dem sich seine Söhne immer die coolen Platten holten, die er selber nicht im Schrank hatte. Dann landen wir bei der Politik. Den Brexit habe er kommen sehen, sagt Parker, allerdings gleichermaßen als Abrechnung mit David Cameron wie mit der EU. Er schaut auf beide kritisch. Die EU sei an der Oberfläche eine schöne romantische Idee, sagt er: „Alle Menschen werden Bruder“, mit ironischem Unterton auf Deutsch. „Doch unter der Oberfläche wirken neoliberale Mechanismen.“ Naja, sage ich, nur dürfte die Politik der Tories ohne EU kaum weniger neoliberal ausfallen. Evan Parker haut mit der Hand auf den Tisch: „Das ist aber wirklich ein blödes Thema, so kurz vor dem Konzert. Ich brauche jetzt einen Kaffee. Schließlich bin ich heute schon um fünf Uhr aufgestanden, englischer Zeit. Und dann gehe ich Hände waschen.“

Auf der Bühne legt der 73-jährige seine Brille vor sich ab und beginnt. Er bewundere ihn für den Mut, sein Musikerleben konsequent dem freien Jazz gewidmet zu haben, hatte Udo Muszynski ihn zuvor angekündigt. Der Mut ist auch auf Seiten des Publikums. Manch einer macht heute Abend eine musikalische Grenzerfahrung. Dies hier ist kein kollektives Erlebnis; sein Verhältnis zu und mit dieser Musik macht ein jeder für sich allein aus. Die vegetative Abfolge von Ein- und Ausatmen hat Evan Parker überlistet, während seines hochfrequenten Spiels, der permanenten Verdichtung von Tönen zu Akkorden, findet beides (unhörbar) gleichzeitig statt. Das Publikum wirkte hochkonzentriert, niemand ist vorzeitig gegangen, wird rbb-Jazzredakteur Ulf Drechsel später feststellen: „In Berlin habe ich ähnliche Konzerte erlebt, da sind die Türen geflogen.“

Cadotsch

Lucia Cadotsch und die jungen Schweden Petter Eldh am Kontrabass sowie Otis Sandsjö am Saxophon, zusammen SPEAK LOW, beginnen ihr Konzert mit Billy Hollidays „Don’t explain“. Ein gutes Motto, auch für diesen Blog. Musik lässt sich nur unzureichend in Worte fassen. Wer nicht dabei war und sie nicht erlebt hat – hat Pech gehabt.

An den Stehtischen im Foyer geht es anschließend vor allem um Evan Parkers Zirkularatmung. Ich habe gehört, sagt einer, dass sie zur Therapie bei Schlafapnoe eingesetzt wird. Didgeridoospielen zum Beispiel kräftigt so die Muskulatur der oberen Atemwege, dass damit in vielen Fällen das gefährliche Schnarchen überwunden wird. Mit der Zirkularatmung, vernehme ich an einem anderen Tisch, könnte man eigentlich bei Alkoholkontrollen die Polizei austricksen. Ich gehe noch einmal nach oben, um Evan Parker zu fragen, welchen Alltagsnutzen ihm seine Atemtechnik bringt. Dort sitzt er beim Rotwein im entspannten Gespräch mit Lucia Cadotsch. Da will ich mit so banalen Dingen nicht stören.

Zweite Atemübung
Die Angst des Chronisten vor dem Schlagzeug-Solo

In der Rockmusik ist die herausgestellte Herrenbrustbehaarung vor vielen Jahren schon verschwunden, nicht zufällig zeitgleich mit dem herausgestellten Schlagzeugsolo. Auf Jazzbühnen dagegen, wo die Herrenbrustbehaarung – falls überhaupt gewachsen – so gut wie nie herausgestellt wurde, hat das Schlagzeugsolo paradoxerweise überlebt. Und das nicht nur eingebettet in kollektive Darbietungen, sondern gar – im Rock oder der klassischen Musik undenkbar – als SOLOKONZERT.

Jazz in E.-Programmierer Udo Muszynski ist ein Liebhaber derartiger Performances.

Sartorius Ich bin es eher nicht. Mich stimmt das Los des Alleintrommlers zuvorderst traurig: Keine die Töne verbindenden Melodien, kein musikalisches Gespräch - und keine Band, die nach sieben Minuten, wenn der Atem kurz wird und dem Kopf die Ideen ausgehen, mit einem Riff zurückkehrt und den bemitleidenswerten Drummer aus dem Rampenlicht nimmt. Um die Dreiviertelstunde eines Solokonzertes zu füllen, greifen manche Alleintrommler zu den aberwitzigsten Rasseln und Schellen, mit denen sie Dinge tun, die ihnen unvorteilhaft ausgelegt werden können: als aufgeblasen, effektheischend, gefallsüchtig. Im Eberswalder Paul Wunderlich-Saal kommt für den Solo-Percussionisten ein spezifisches Risiko hinzu: Das Publikum würde gern grooven oder aber mindestens in Trance fallen, ist jedoch an Stühle gebunden, die der gastgebenden Staatsgewalt einst unter dem symbolischen Gesichtspunkt des aufrechten Sitzens angetragen wurden.

Unter diesen Vorzeichen eröffnete der Schweizer Trommler Julian Sartorius gestern Abend das 23. Festival „Jazz in E.“. Armer Julian Sartorius. Armer Julian Sartorius? Mit ihm muss niemand Mitleid haben. Allenfalls, weil er heute den Männertag nicht feiern darf. Julian Sartorius ist nämlich – mit seinen 36 Lebensjahren - noch ein Kind, ein Kind im Mann. Seine Neugier darauf, wie die Welt klingt, hat er längst nicht befriedigt. Er steckt seine Finger überall hin, wo er Klang vermutet. Kürzlich hat er aus den Klangentdeckungen einer zehntägigen Wanderung zwischen Basel und Genf eine Platte gemacht. Schwarz1Als er in Eberswalde auf die Bühne kommt, ragt ein Bündel Trommelstöcke aus seiner Hosentasche, wie ein Köcher voller Pfeile. Die feuert er in den folgenden 40 Minuten nacheinander ab: Treffer. Treffer. Treffer. In den ersten Minuten bearbeitet er ausschließlich zwei Becken. Sie sind aus Metall und klingen außen anders als innen. Das will erforscht werden. Was sich hier liest wie eine trockene, verkopfte Angelegenheit, entwickelt unter den Händen von Sartorius eine lebendige, faszinierende Spannung. Diese kommt quasi von innen, aus dem Material, aus der Wertschätzung für jeden Ton und einer traumwandlerischen Sicherheit in deren Kombination. Sparsam geht Sartorius mit seinen Ressourcen um, nach zehn Minuten ist zum ersten Mal die Basstrommel zu hören. Nichts im Spiel des bärtigen Schrats ist eitel oder auf Effekt getrimmt. Allerdings verweigert er sich auch dem orthodox ausgelegten Glaubensbekenntnis des freien Jazz: Improvisation!! Es ist nicht anders vorstellbar, als dass einem so kurzweiligen, dramaturgisch stimmigen Schlagzeugkonzert eine Partitur zu Grunde liegt. Während das – auch als Filmmusik taugliche – Spiel seine Assoziationen freisetzt, sehe ich auf dem Bühnenplatz von Julian Sartorius noch einmal Jaki Liebezeit vor uns sitzen, den im Vorjahr verstorbenen Meister aller minimalistischen Schlagzeugdinge. Auch er hätte an diesem Abend sicher seiner Freude gehabt. (Grafiken, von links: Julian Sartorius, Lukas Kranzelbinder)

Shake Stew Anlässlich einer Lungenentzündung diagnostizierte Frau Dr. Röthke mir einst eine gewisse Form der Flachatmung. Sie verschrieb Atemübungen, die Frischluft auch in entlegene Bronchien befördern sollten. So lernte ich unter Anleitung einer Physiotherapeutin nicht nur, meine Lunge auszufüllen, sondern auch in den Bauch, die Zehen und – wenn ich mich richtig erinnere – den Allerwertesten zu atmen. Das war erkenntnisreich, aber nicht nachhaltig. Bald atmete ich wieder so flach wie einst. Bis gestern Abend. Bis im zweiten Konzert die österreichische Band „Shake Stew“ zu spielen begann. Deren Gründer, Lukas Kranzelbinder, war Udo Muszynski und mir vor Monatsfrist bei der Jazzahead! in Bremen über den Weg gelaufen. Er fiel mit einem Grinsen auf, das üblicherweise Frischverliebten eigen ist. Kranzelbinder war anhaltend frisch verliebt - in seine Band. Nie zuvor habe ihm das Spielen vergleichbare Freude bereitet, schwärmte er. Soweit ich mich erinnere, umschrieb er das Wort ‚Freude‘ mit ‚geil‘. Im Wiener Stimmklang hat dieses Wort noch einmal eine ganz besondere, eine gesteigerte Überzeugungskraft. Um es kurz zu machen (und jenes Wort zu vermeiden, das zu verwenden jenseits der 50 tunlichst vermieden werden sollte): Das gestrige Konzert blieb dahinter nicht zurück. Es war vieles: lebensprall, mondän (in ihrer schwarz-goldenen Bühnengarderobe und mit ihren nerdigem Kopfhaar wirkt die Band wie von Alfons Mucha gestaltet), überschäumend in den musikalischen Ideen und zeitweise hymnisch in deren Umsetzung, global in den Einflüssen (haben die Türken Wien wirklich nicht eingenommen?) und kleinbürgerlich in den Ausflüssen: Er habe sich – neben seiner Band – nun auch in Eberswalde verliebt, bekannte Lukas Kranzelbinder. Der Anbiederung muss man ihn darob nicht verdächtigen: Den prasselnden Applaus der Festivalbesucher hatte die Band zu diesem Zeitpunkt längst eingefahren.

Erste Atemübung
Mit Kalle Kalima in die Polizeikantine

Es gliche einem Wunder, sollte ich auch in diesem Jahr den Jazz-in-E.-Blog schreiben dürfen. Ich habe einen Eber überfahren. In Eberswalde. Wer in Eberswalde ein Wildschwein schändet, kann ebenso gut in Kalkutta eine Kuh erschießen. Ich habe überlegt, ob ich als Jazz-in-E-Blogger nicht besser zurücktreten sollte, bevor mich das Rathaus zur unerwünschten Person erklärt. Noch eine Woche bis zum Festival. Mein Frevel am Eberswalder Wappentier liegt ein halbes Jahr zurück und ist bislang folgenlos geblieben.

Kalima Ich vermute, es liegt an Kalle Kalima. Wenn in Eberswalde je ein Jazzmusiker zum Ehrenbürger ernannt werden sollte, wird es Kalle Kalima sein. In Eberswalde ist Kalle Kalima quasi das Synonym für Finnland. Gäbe es Treuepunkte auf Eberswalder Bühnen, Kalle bräuchte längst ein neues Klebeheft. Allerdings geht die Schweinerei mit dem Eber jetzt auf seine Kappe: Er war‘s, er war’s, er war’s! Lässt das Rathaus mich für den Keiler büßen, können sie Kalima als Ehrenbürger abhaken.

Am vorletzten Abend des Filmfestes „Provinziale“ hatte Kalle Kalima im Festivalclub gespielt. Zu später Stunde fahre ich nach Hause, das neue Werk des Finnen in den Autoboxen. „High Noon“: Breite Straße, Bürgel-Schule, die Platte geht gemächlich los, schönes Tempo 30-Zonen-Tempo. Das Album – Kalles erstes auf dem deutschen Großlabel ACT – ist kein sortenreiner Jazz. Es ist vor allem eine Musik, bei der Lust aufkommt, die Doppelläufige zu schultern und Elche zu jagen. Stadtausgang, ich spule ein bisschen vor (nennt man das noch so?). „Ballad of the Alamo“, Minute drei-dreißig: Urplötzlich spürt das Schlagzeug die Peitsche, der Bass die Sporen und der Gitarrist lässt die Zügel fahren, jipiajeh! Der Gasfuß nimmt den Rhythmus auf. Sekunden später, wir sind im Stadtwald vor Trampe, Rotte von rechts, ein dumpfer Knall. Behaupte niemand, Wildschweine hätten keine natürlichen Feinde: Mein Auto trägt einen Löwen auf der Motorhaube. Der tote Schwarzkittel schlittert, Beine gen Himmel, im Scheinwerferlicht 50 Meter über die Gegenfahrbahn und bleibt dort liegen. Dieses Bild werde ich fortan vor mir sehen, wenn ich Kalle Kalima höre. Posttraumatische Assoziationsstörung. Als es später im Rückspiegel blau lichtert, zelebriert der finnische Killer-Gitarrist gerade Leonard Cohens „Hallelujah“.

Der Polizeibeamte fragt:
Haben sie was getrunken?
Natürlich nicht.
Haben sie mit dem Handy telefoniert?
In meinem Alter gibt es niemand, den man nach Mitternacht noch anrufen kann.
Haben sie was geraucht?
Wie kommen sie denn darauf?
Sie sollten mal ihre Pupillen sehen.
Na bei dem Schreck.
Die entscheidende Frage stellte er nicht: Was haben sie gehört?

Anderntags erstatte ich Udo Muszynski pflichtgemäß Meldung.
Er stöhnt: Mann, Mann.
Was ein erschütterter Vegetarier so sagt, wenn ein Wirbeltier zu Schaden kam.
Ja ja, erwidere ich.
Atmen.
Wieso Amen, frage ich, was willst du eigentlich von mir?
Atmen. Tief durchatmen!

So kam es, dass der diesjährige Jazz in E.-Reigen unter dem Motto "Atem" steht.

Konzeptionell erscheint das zunächst nicht ganz eindeutig. Die Vermutung, es seien nur Künstler zugelassen, die ihren Atem unmittelbar zum Musizieren gebrauchen, wird durch den Blick auf das Festivalprogramm widerlegt: Es sind zwar tatsächlich begnadete Sänger dabei, wie Lucia Cadotsch (vor ein paar Tagen erst mit dem Jazz-Echo geehrt), die norwegische Legende Sidsel Endresen und die Berliner Band Hütte mit großem Chor, aber eben auch Schlagzeuger und Pianisten. Esoterisch? Dann wären wohl kaum „Shake Stew“ eingeladen, noch dazu für den Eröffnungsabend: 2 Schlagzeuge, 2 Bässe, 3 Jagdhörner. In Abwesenheit von Kalle Kalima erscheint niemand prädestinierter, für Wildschweingulasch in der Polizeikantine zu sorgen, als die Band um Lukas Kranzelbinder. Nicht umsonst haben die Österreicher ihre aktuelle CD „Der goldene Fang“ genannt. – Was aber hat es nun mit dem „Atem“ auf sich? Ist dieses Motto vielleicht doch nicht mehr als ein etwas beliebiger kleinster gemeinsamer Nenner, die Reduzierung auf eine vegetative Körperfunktion?

Mein Vorschautext drohte bereits an der Deutung zu scheitern, welcher Luftstrom das diesjährige Festival programmatisch zusammenhalten soll. Da entdeckte ich auf der Homepage von Evan Parker – er wird mit seinem Saxophon am zweiten Festivalabend auftreten – ein Zitat von Elias Canetti: „Es reicht nicht aus zu denken. Man muss auch atmen. Gefährlich sind die Denker, die nicht ausreichend geatmet haben.” (aus: Die Provinz des Menschen)

Vielleicht ist es ja das, wovor Jazz in E. uns in diesen kurzatmigen Zeiten bewahren will.

Rückblicke:
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