jazz in e.

Ein Festival aktueller Musik. Jedes Jahr zu Himmelfahrt. In Eberswalde.

Die Neubelebung des Blues‘ an vier Abenden

Das Festivaltagebuch von Thomas Melzer mit Fotos von Torsten Stapel

Vierte Reanimation
Den Tiger im Tank

Nach dem ersten und einzigen Konzert von Bob Dylan in der DDR – 1987 im Treptower Park vor 70.000 Zuhörern – schlugen die Wogen der Empörung hoch: Ohne ein einziges persönliches Wort an das Publikum hatte der Meister sein Konzert abgespult. Eine Zugabe und dann – ab, blowing in the wind. Die Rache ersonnen sich knapp dreißig Jahre später vier Musiker, die so jung sind, dass sie damals gar nicht dabei gewesen sein können. Dylans im Jahr 1966 erschienenes Doppelalbum „Blonde on Blonde“ bringt die Band „Absolutely Sweet Marie“ nun absolutely ohne Worte auf die Bühne, mit drei Blasinstrumenten und einem Schlagzeug. Das hat er nun davon, der Meister der Poesie, Kandidat für den Literatur-Nobelpreis: sprachlos gemacht. Oder ist es gar nicht Rache, sondern Huldigung, an den hinter seiner Wortmacht unterschätzten Musiker Dylan?

ASM Ich weiß es nicht. Ich bin kein Dylanologe. Mich hat auch dieses Konzert, mit dem der vierte Festivalabend eröffnet wurde, nicht erreicht. Das sagt nichts über die Band und ihre Musik. Es war einfach nicht meins. Und es wäre höchst ungewöhnlich, wenn auf einem viertägigen Festival mit zahlreichen Doppelkonzerten jedem alles gefiele. Zumindest für die mehr als 70 echten Festivalbesucher mit Dauerpass sei deshalb die Ansage gewagt: Es ist Festival, keine Anwesenheitspflicht! Traut euch, geht raus und trinkt ein Bier, wenn die Musik euch nicht erwärmt. Nehmt euch ein Beispiel am Jazzaktivisten Lars Fischer: Der hat sich auf‘s Fahrrad gesetzt, zur Tanke begeben und ein Eis geholt.

AMEO Zum zweiten Konzert des Abends ist er zurück. Auf der Bühne Gedrängel wie nie, die 17 Musiker des „Andromeda Mega Express Orchestras“ haben weniger Platz als kasernierte Legehennen. Doch weder Klaustrophobie noch der Blues können der Musik des Orchesters etwas anhaben. Vielleicht, weil das AMEO nicht gerade als Blueskapelle bekannt ist, hub dessen Leiter Daniel Glatzel zu einer länglichen Rechtfertigungsrede an: „Der Blues, was ist das? (Pause) Ein weites Feld. (Pause) Er ist ziemlich alt. Aber er lebt in vielen seiner Kinder weiter, im … Jazz, Funk, Hip Hop“. Am Ende dieses Kurzvortrages kam das Fagott seinem Kopf gefährlich nahe und es war nicht auszumachen, ob es sich dabei um Vorsatz oder Fahrlässigkeit handelte. Daniel Glatzel hätte es sich einfacher machen und sagen können: „Der Udo Muszynski findet uns ziemlich toll. Deshalb hat er uns eingeladen, auf diesem Festival zu spielen. Wir sind kein Bluesorchester, aber irgendwie geht fast alle Musik auf den Blues zurück. Passt, wackelt und hat Luft.“

AMEO Das Schöne am luftigen, intelligenten, modernen, letztlich aber unbeschreibbaren Klang dieses Orchesters ist seine Verbindung von Kollektivismus und Individualität. Es ist durchweg zu spüren, dass hinter seinem Spiel kein Orchesterdrill steht. Bläser oder Streicher sind frei von Fraktionszwang, viele Musiker erhalten Gelegenheit zu Soli. Es gibt keine einheitliche Bühnengarderobe und offenbar die Absprache, die Notenmappen mit den Lieblingstieren der Musiker zu bebildern. Man sieht Hunde und Delfine, überwiegend aber Tiger.

Der 22. „Jazz in E.“ ist zu Ende. Es war das erste komplett ausverkaufte Festival. Das ist schön, aber nicht das Wichtigste. Mein erstes ausverkauftes Blueskonzert erlebte ich 1984, an einem Sonntagvormittag im „Theater der Freundschaft“ in der Lichtenberger Parkaue. Armeekumpel Andy Wieczorek spielte damals Saxophon für den renitenten Bluesbarden Stefan Diestelmann. Andy holte mich über einen Seiteneingang ins AktivistenTheater und da die Sitzplätze alle belegt waren, saßen wir von der schwarzen Gästeliste auf der Treppe. „Das funktioniert so nicht“, verhinderten die beiden uniformierten Feuerwehrleute aus Reihe 1 den Konzertbeginn, „die Fluchtwege sind freizuhalten!“ „Genau“, erwiderte Diestelmann von der Bühne, „gerade weil hier im Osten bekanntlich jar nischt funktioniert, bin ich auch sehr dafür, die Fluchtwege frei zu halten. “ Wenig später war er dann im Westen. Wir sind immer noch im Osten, wo „Jazz in E.“ auf unangestrengte, ja geradezu lässige Weise funktioniert. Daran sind neben Udo Muszynski und der einzigartigen Tine Schwarz 23 Jazzaktivisten beteiligt. Auch sie ein Orchester voller Individualisten, deren Namen der Festivalchef zum Abschluss aufzählte.

Mein Lieblingsabend? Zur eigenen Überraschung der dritte, mit den Trios von Tobias Hoffmann und Dirk Berger. Nimmt man den CD-Verkauf nach den Konzerten als Indiz, dürfte wohl das Konzert von „Puts Marie“ bei vielen ganz oben auf der Liste stehen. Und, war es nun wirklich ein Bluesfestival? Meine Zweifel finde ich bei Verpflegungsaktivist Torsten Stein bestätigt: „Diesmal ist backstage so viel alkoholfreies Bier rausgegangen wie noch nie.“ Kommt, hört doch auf. Ein Bluesfestival und alkoholfreies Bier – das gibt es nicht.


Dritte Reanimation
While my guitar gently weeps

Hoffmann Zweieinhalb Abende mussten wir warten, bis es auf diesem Blues-Jazz-Festival endlich nach Muddy Waters klang. Erlöst hat uns der Kölner Gitarrist Tobias Hoffmann. Das Sticheln kann auch er sich nicht verkneifen: „Mögt ihr den Blues?“ fragt er diabolisch ins Publikum. Selbstredend kommt ein Ja zurück. Hoffmann lacht. „Wäre ja auch schlecht, wenn nicht.“ Und dann nutzt er die Gelegenheit: „Endlich kann man mal auf einem Jazzfestival ohne schlechtes Gewissen Blues spielen.“ Und wie leidenschaftlich und gründlich er das tut. Um in der medizinischen Metaphorik dieses Blogs zu bleiben: Hoffmann vollbringt das Wunder, den Blues wie eine Pathologe zu sezieren, wieder zusammenzusetzen und in pulsierender Lebendigkeit in die Welt zurückzuschicken. Dazu nutzt er keine eigenen Kompositionen, sondern überwiegend Stücke toter Kollegen: Harrison, Monk, Reiser, Hendrix. Aber auch vitales von Britney Spears und Bob Dylan ist dabei. Manche Note hält Hoffmann wie einen wundersamen Muskel in die Luft, betrachtet ihn, zeigt ihn uns, sekundenlang. Keine Sekunde ist zu lang, das Konzert vielmehr zu kurz. Nach einer Stunde ist man fortgeschritten süchtig. Hoffmann ist ein übler Dealer, er setzt noch einen drauf: Als Zugabe spielt er Peter Greens „Albatros“, das erste gelungene Experiment zur Überwindung der Erdanziehung durch Musik. Seit Jahrzehnten nicht gehört. Schon die Ankündigung sorgt für ein Raunen im Rund. Nicht nur die Fairness gebietet es, die kongenialen Musiker an Hoffmanns Seite zu benennen: Frank Schönhofer am Baß und Etienne Nillesen am Schlagzeug.

Berger Anders als am Vortag gibt es nach der Pause keinen stilistischen Bruch, nahtlos geht es weiter im Kammerbluesabend. Wieder mit einem (gut gekleideten) Gitarrentrio und einem Vorspieler aus Köln. Die Klangtemperatur steigt noch einmal; eine wärmere Gitarre, als Dirk Berger sie spielt, ist nicht vorstellbar. Der kälteste Auftritt seines Lebens habe einst bei minus zehn Grad auf dem Eberswalder Marktplatz stattgefunden, erzählt er. Unmöglich, dass auch nur einer im Publikum gefroren hat. „Engelslächeln“ nennt man die unkontrollierten Gesichtsbewegungen kleiner Babys. Es ist jetzt im Publikum gehäuft zu beobachten. Auch hier sind die Männer an Bergers Seite nicht wegzudenken: Lutz Krajenski lässt wunderbar die „Schweineorgel“ pumpen, Sebastian Krajewski beherrscht die edle Schlagzeugkunst, nicht alles zu zeigen, was er kann, sondern nur das, was die Stücke brauchen.

Der heutige Blogeintrag wäre beinahe einem (kurz vor Konzertbeginn gezogenen, nicht mehr zu reanimierenden) Weisheitszahn zum Opfer gefallen. Das erinnert mich an eine Blues&Trouble-Geschichte, die mir vor knapp 30 Jahren widerfuhr. Im Frühjahr 1987 gaben der „Vater des weißen“ Blues, John Mayall, und seine Bluesbreakers im Ostberliner Kino „Kosmos“ zwei Konzerte. Ich hatte einen Presseauftrag - und eine ausgewachsen fiebrige Angina. Wie üblich war das Fotografieren nur während der ersten drei Titel erlaubt, bei der zweiten Nummer kollabierte ich. Versorgt wurde ich vom Fotografen der „Neuen Berliner Illustrierten“, den ich auf diese Weise als den Sohn des Kanzleramtsspions Günter Guillaume kennenlernte, der Willy Brandt zu Fall gebracht hatte. Wenig später war mein neuer Bekannter wie vom Erdboden verschluckt. Zurückgegangen in die Bundesrepublik, in der er aufgewachsen war, hörte ich. Er habe es nicht ertragen, den überheblichen Erich Honecker auf Staatsbesuch bei Gorbatschow zu erleben, erzählte er später. Im Januar 1990 führte meine erste richtige Westreise nach Bonn, zu Pierre Guillaume, den ich durch John Mayall kennen gelernt hatte. Auf dem Bahnsteig begrüßte er mich mit einer gerade veröffentlichten Platte von Neil Young: „Freedom“.

Es ist weit nach Mitternacht, das Paul Wunderlich Haus hat sich geleert. Im Auto spielt jetzt noch einmal das Tobias Hoffman Trio. Knapp eine Stunde dauern die frisch erworbenen „11 famous songs tenderly messed up“, eine halbe Stunde die Fahrt aufs Gehöft. Dort angekommen, ist Peter Greens „Albatros“ auf der CD noch lange nicht erreicht. Was tun? Motor noch mal an, ab ins Nachbardorf. Gucken ob die Störche schlafen.


Zweite Reanimation
Das Prinzip Brockhaus

Man hätte am Donnerstagabend auch in das Berliner Ensemble gehen können, wo André Heller seinen neuen Roman vorstellte. Ich fühlte mich im Paul Wunderlich Haus besser aufgehoben, wobei ich dort auch an Heller denken musste. Der besang vor 30 Jahren, was als veritables Lebensmotto taugt: „Die Kleinmut ist ein Stück von Dreck, die schneidet dir die Aussicht, die schneidet dir die Einsicht, der schneidet dir die Zukunft weg.“ Daran erinnerte ich mich angesichts des schwindelfreien Wagemutes, am zweiten Festivalabend dem Eberswalder Publikum nacheinander zwei so grundverschiedene Akteure wie Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group aus Kenia und die Schweizer Band „Puts Marie“ zuzumuten. Erst drei- und vierstimmige Lieder aus Ostafrika, nur sparsam von Percussion begleitet, dann krachender elektrischer Rock aus Mitteleuropa. Wie kommt man auf so etwas?

Nach dem Brockhaus-Prinzip. Auf einem Berliner Fassadensims entdeckte ich jüngst die zum Verschenken abgestellte Bücherkiste mit dem „Universal-Lexikon in fünf Bänden“, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1986. Nein, aktuell ist diese Enzyklopädie nicht mehr, und ja, sie nimmt mehr Platz in Anspruch als ein Laptop, mit dem jede gewünschte Information schneller gegoogelt als im Lexikon erblättert ist. Und dennoch, wer sich von seinem Brockhaus trennt, wird nie wieder etwas finden, wonach er nicht gesucht hat. Google oder Wikipedia, das ist die gezielte Recherche nach dem im Ansatz bekannten. Brockhaus, das heißt blättern, sich überraschen lassen und staunen, was es nicht alles gibt. Google wird Sie fragen: Meinten Sie „Putzmarie“? Amazons Algorithmen werden in Auswertung Ihres bisherigen Kaufverhaltens nicht auf die Idee kommen, Ihnen die Schallplatte von Ogoya Nengo als etwas vorzuschlagen, was gleichgeschaltete Kunden vor Ihnen kauften. Im Brockhaus folgt auf Kenia Kénitra („Stadt im NW Marokkos“) und bei Jazz in E. auf Ogoya Nengo Puts Marie. Wozu das gut ist? Als Aussicht, nicht weggeschnitten, sondern eröffnet.

Nengo Das Wunderbare an dem Konzert von Ogoya Nengo und Gruppe, zwei mit ihr singenden Frauen und zwei für sie trommelnden Männern, war das Versagen aller uns vertrauten Referenzsysteme. Wir kennen niemand, mit dem wir diese Formation vergleichen können. Die Klänge kommen aus einer uns völlig fremden Welt, ebenso die Instrumente, Kostüme, die Bewegungen beim Tanzen und Singen. Ihre Sprache, Luo, ist uns unverständlich. Da die Musiker keine andere Sprache sprechen, war auch am Rande des Konzerts nicht in Erfahrung zu bringen, wovon ihr Lieder handeln. Ogoya Nengo habe sie früher auf Hochzeiten, Beerdigungen und Dorfversammlungen gesungen, berichtet das Programmheft. Ja gut: Lieder über das Leben und Sterben also. Das hilft kaum weiter. Uns bleiben nur unsere Sinne.

Die sind zu Beginn etwas angespannt im Erleben der disziplinierten, beinahe strengen Darbietung. Sie beginnen zu schwingen in der permanenten Wiederholung der Takte und Strophen. Die Gruppe wäre auch bei „Jazz in E“ Nummer 18 gut aufgehoben gewesen, als es um musikalische Trancezustände ging. Und schließlich öffnen sich die Arme der Frauen auf der Bühne und wenig später die Herzen davor. Jetzt wird getanzt, auch mit Frauen aus dem Publikum, überhaupt nicht hüftsteif! Eine Dramaturgie der sinnlichen Eroberung vollendet sich, die am Anfang nicht abzusehen war.

Puts Marie Nach dem Soundcheck am Nachmittag lungerten die fünf Musiker von „Puts Marie“ auf dem Eberswalder Kirchhang. Kommt mit zu den Spuren eurer Vorfahren, schlage ich vor. Wir schlendern Richtung Stadtmauer, in die Schweizer Straße, wo sich 1691 zehn Handwerkerfamilien aus der Gegend um Winterthur niedergelassen hatten. Sie waren vor Hungersnot und Teuerung geflohen, der Kurfürst hatte ihre angemessene Aufnahme angeordnet und schon sieben Jahre später stellten sie den Bürgermeister der Stadt. Das erste Foto mit Schweizern in der Schweizer Straße - bemerkenswert gut aussehenden jungen Männern zumal – wird fortan allerdings erst aus dem Jahr 2016 datieren.

Puts Marie Sie seien ja eigentlich kein Jazz- und schon gar keine Bluesband, gesteht Bassist Igor Stepniewski auf dem Rückweg. Sie würden schon sehr gern mehr Jazz spielen. Aber als Rockband werde man einfach besser bezahlt. Für den Jazz seht ihr einfach auch zu gut aus, sage ich. Da gilt man gutaussehend leicht als Hallodri, was natürlich nur auf den Neid der alten Männer im Publikum zurückgehe. Am Abend wirkt die Band dann erst so richtig viril. Und auch etwas androgyn. Wie eine Mischung aus David Bowie, Freddy Mercury und den Strokes. (Hier gibt es das wieder, ein Referenzsystem!) Breitbeinige Posen ist man bei „Jazz in E.“ ja eher nicht gewöhnt. Mich lenkt das irgendwann zu sehr von der Musik ab, weshalb ich mich auf die unterste Stufe der neuen Traversen setze. Ein alternatives Konzept, bei dem die Musiker selbst verhinderten, dass ihre körperliche Bühnenpräsenz der Musik die Aufmerksamkeit raubt, erlebte ich voriges Jahr im Kreuzberger Privatclub. Da stellte der US-Amerikaner Ryley Walker sein Bluesrock- Album „Primrose Green“ live vor. Vier der fünf Musiker begannen und beendeten das Konzert sitzend auf dem Bühnenboden, allein der Oberkörper des Kontrabassisten war durchweg über den Hinterköpfen der vor mir Stehenden zu sehen. Eine spezielle Konzerterfahrung, wahrscheinlich vom übermäßigen Genuss deutschen Bieres choreographiert. Manchmal reicht es ja aber auch aus, die Augen zu schließen.

Da sieht man plötzlich Tarantino-Bilder und hört die Mariachi-Gitarre singen. Ein Soundtrack quer durch die Welt. Puts Marie, seit 2002 zusammen, fuhren früher im VW-Bus durch Europa und später lange durch Mexiko, spielten an Straßenrändern und auf Verkehrsinseln, bettelten in Clubs um Auftritte. So kann keine Band klingen, die in einem Alpental großgeworden ist. Die Walz hat ihre Musik reich gemacht. Wie ihre Vorfahren aus der Schweizer Straße am Ende des 17. Jahrhunderts haben sie nach Eberswalde etwas mitgebracht, das es hier nicht gibt.

Die Bilanz des zweiten Abends aus der Bluesperspektive? Puts Marie spielen eine Musik, die es ohne den Blues wahrscheinlich nicht geben würde – ohne, dass man ihn hört. Im ersten Konzert erlebten wir die frühesten Wurzeln dieser Musik, die Gruppengesänge der Afrikaner auf dem Heimatkontinent, noch bevor sie als Sklaven auf die amerikanischen Baumwollplantagen verschleppt wurden. Ogoya Nengo ist 73 Jahre alt und womöglich wird es nicht mehr viele Gelegenheiten geben, den authentischen afrikanischen Blues zu erleben. Ich habe nachgelesen, was in „Blues & Trouble“, einem 1966 in Berlin erschienenen Standardwerk von Theo Lehmann – das Vorwort immerhin von Martin Luther King jr.-, darüber geschrieben ist. Das Lesen fiel schwer, erklärt aber vielleicht die demonstrativ selbstbewusste Darbietung von Ogoya Nengo. In dem Buch ist durchweg von Negern die Rede.


Erste Reanimation
Blues gegrillt, Kartoffeln vom Vorjahr

Publikum Dass der Eröffnungsabend des 22. Festivals „Jazz in E.“ von den dafür vorgesehenen Künstlern bespielt werden konnte, ist dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu verdanken. Jenem entnahm Musikerfrau Katja Mahall die Warnung vor dem Verzehr von Lagerkartoffeln, deren Triebe strippenlang durch den Keller wuchern. „Die sind hochgiftig!“ gab sie eilig an das Ehepaar Aki Takase/Alexander von Schlippenbach weiter, mit dem die Mahalls den reichen Ertrag ihrer Scholle geteilt hatten. Und das nunmehr unverzüglich die Reste der Vorjahresernte entsorgte. „In diesem Jahr habe ich die Saatkartoffeln zu tief gesteckt“, erzählt Rudi M. „Mist, habe ich gedacht, wie werden die sich wohl hochquälen? Und dann kam der späte Frost. Er hätte ihnen den Garaus gemacht, wenn sie nicht so schön tief gesteckt hätten.“

Ja, mit Rudi Mahall lässt sich trefflich über Kartoffeln reden. Wenn man auf den Blues zu sprechen kommt, wird er einsilbiger. Warum dieses Programm, das W.C. Handy gewidmet ist, den kein Mensch hier kennt? „Das musst du Aki fragen. Genaugenommen ist das ja Jazz. Guck mal, der St. Luis Blues ist schon von so vielen Jazzern verwurstet worden. Eigentlich spielt sich das Zeug ja von selbst.“

Die Jazzerzählung ist eine Geschichte von Fixsternen, von berühmten Musikern und Labels. Manche leuchten heute noch, viele sind verglüht. Zu letzteren gehört W.C. Handy, der „Father of Blues“. Seine Bestattungsfeier besuchten 1958 in Harlem 25.000 Menschen. Zur Wiederbelebung seiner Musik kamen 2016 mehr als 200 in das ausverkaufte Paul Wunderlich-Haus zu Eberswalde. Die japanische Pianistin Aki Takase (68) hatte ihre „New Blues“-Band mitgebracht, mit der sie dieses Programm seit 14 Jahren spielt. „Komm schon, Rudi, da seid ihr doch wie ein altes Ehepaar. Jeder weiß, welchen Ton der andere gleich spielen wird, welcher Ton am besten klingt. Erzähle mir doch da nichts von Improvisation!“ Rudi Mahall besteht darauf, dass meine Stereotypen vom Eheleben mit freiem Jazz nichts zu tun haben: „Doch! Es ist jedesmal anders!“

Takase1 Am Eingang zur Konzerthalle steht Dr. Eugene Chadbourne und beobachtet das eintreffende Publikum. 2003 spielte er, mit Paul Lovens, schon einmal bei „Jazz in E.“. Im legendären roten Sparkassenbus holte ich ihn damals von Tegel ab. Auf der Rückbank saß ein 13-jähriger und interviewte den Künstler für ein Porträt in der Schülerzeitung des örtlichen Humboldt-Gymnasiums („Der Penner“). Hier bekannte sich Eugene Chadbourne, Kommunist zu sein. 2016 hängt er sich eine rote Gitarre um den Hals. „Ah“, sage ich, „statt Hammer und Sichel; jetzt geht es also dem bourgeoisen Blues an den Kragen.“ „Nee“, lacht Doc Chad, “die rote Gitarre mit dem rechteckigen Korpus war das Markenzeichen von Bo Diddley“. Der ist auch schon lange tot „und mal ehrlich, Eugene, ist dieser ganze Blues nicht eine ziemlich altmodische Museumsmusik?“ Große Augen und ein einfacher Satz zur Entwaffnung: „Aber die Leute hören ihn immer noch sehr gerne.“

Nun also, Neubelebung des Blues, erster Eingriff: Die Band hat vor zwei Jahren zuletzt auf der Bühne gestanden, am Nachmittag gerade mal eine Stunde geprobt. Das ist in der ersten Konzerthälfte zu merken. Eine Nummernrevue. Ein Fußballnationalmannschaftsproblem: Viele tolle Spieler, aber sie kennen die Laufwege der anderen nicht, haben keine Automatismen. Schöne Einzelaktionen werden beklatscht, doch das Stadion bebt nicht. „Looking good but feeling bad“, kräht Moritatensänger Chadbourne, aber natürlich ist es nur ein Liedtext. Ach ja, und natürlich ist der Rasen schuld! Zu wenig Licht. „Wenn das mit den erneuerbaren Energien hier nicht klappt, müssen wir Rheinsberg wieder anschalten“, lästert Rudi Mahall. Im nahegelegenen Rheinsberg war eines der beiden DDR-AKW. Zu viel Licht! Aki Takase fährt plötzlich hoch, gegrillt vom blauen Strahler hinter ihr. Viel Ragtime und Boogie-Woogie, die man mögen muss, wie Kümmel. In der Pause bleibe ich sitzen. Jetzt keine Fragen beantworten, wie’s gefällt.

Chadbourne Die Mannschaft kommt unverändert auf die Bühne zurück und findet zu ihrem Spiel. Zu ihren größten Momenten wohl dann, wenn Rudi Mahall und Nils Wogramm Seit‘ an Seit‘ die Luftströme von Bassklarinette und Posaune elegisch verweben. Oder Aki Takase am Flügel, hofiert von Heinrich Köbberlings gefühlvollem Schlagzeugspiel, den Zauber aufblitzen lässt, der sie zu einer der berühmtesten Jazzpianistinnen gemacht hat. Und dann plötzlich das harte Repertoire der Reanimation, Elektroschocks; nichts für zarte Seelen. Doch das hörgeübte Eberswalder „Jazz in E.-Publikum“ zeigt sich gelassen, hartgesottener als das Eberswalder Filmfestpublikum, das zuletzt einen Hang zu vegan-harmoniesüchtiger Verweichlichung erkennen ließ. Im vorjährigen Eröffnungsfilm der Provinziale, „Children of the Arctic“, waren die Protagonisten unaufhörlich damit beschäftigt, Rentiere auszunehmen oder in blutendem Walfleisch herumzuschnippeln. Gott, was wurde um mich herum da kollektiv gestöhnt, gebarmt und weggeschaut! Als jetzt aber Aki Takase im offenen Flügel fitschelt, Rudi Mahall und Nil Wogramm ihre Instrumente quietschen lassen oder unter Doc Chadbournes Fingern die Saiten metallisch schnippen: andächtiges Lauschen!

„Es war ein Gedicht“, schwärmen im Hinausgehen die alten Kämpen vom Eberswalder R&B Collegium und geben Eugene Chadbourne Recht. Es war in jedem Fall ein schöner Eröffnungsabend für die ganze Familie, vom Bürgermeister bis zum bösen Neffen. So muss es sein, bevor sich später alles in die Spartenprogramme verläuft.

Den versprochenen „new“ Blues habe ich allerdings noch nicht gefunden. Wie ihm das größenwahnsinnige Dreifachalbum „Epic“ des jungen amerikanischen Saxophonisten Kamasi Washington gefalle, das im Vorjahr Riesenverkaufserfolg und Kritikerliebling zugleich war, habe ich Rudi Mahall gefragt. „Kann ich dir nicht sagen, habe ich nicht gehört. Will ich auch nicht hören. Ist mir zu viel Hype.“

Es war ein Abend der Bewahrer, nicht der Erneuerer. Erneuert wurde allerdings die Jazz in E.-Arena. An der Rückfront des Plenarsaals stufen sich neuerdings Sitzreihen in die Höhe. Welch ein grandioser Zugewinn an Raumgefühl.

Jazz in E. ab sofort im Circus maximus!


Wir werden uns wundern
„Jazz in E.“ will in diesem Jahr den Blues wiederbeleben

Ein Sonnabend im November. Der Kanadier Eric St. Laurent hatte sein Guten Morgen-Konzert gerade beendet, da freute sich eine Eberswalderin auf den Mai: „Blues also“, strahlte sie Udo Muszynski an, „da sage ich jetzt schon danke! Blues, das ist die Musik meiner Jugend.“ „Frohlocke nicht zu früh“, erwiderte Udo M., „du wirst dich noch wundern.“

Nun ist es so weit. „Jazz in E.“ steht bevor und dass diesmal der Blues dem Festival einen Rahmen setzen wird, löste vorab nicht nur Freude aus. Ausgerechnet jetzt, wo der Jazz allenthalben seinem jahrzehntelangen Nischendasein entsteigt, wo einige im Jazz schon den neuen Pop sehen, beruft sich das Eberswalder Jazzfestival in seiner 22. Auflage auf eine Musik, die so tot und konserviert erscheint wie Lenin in seinem Mausoleum? Hätte es Festivalchef Udo Muszynski nicht als Zeichen deuten müssen, dass B.B.King im Vorjahr starb - just in der „Jazz in E.“-Woche? Ist Blues nicht die Musik der Kutten-, Hirschbeutel- und Langhaarträger, die man sich im Paul Wunderlich Haus nur schwerlich vorstellen kann? „Und plötzlich waren sie alt gewesen, die Blueser, die sich Kunden nannten“, schreibt mein Schulfreund Lutz Seiler über sie in seinem „Kruso“-Roman: „Die Disco hatte ihren Stamm besiegt und auf die Dörfer vertrieben, wo hölzerne Treppen auf winzige Säle führten, über verräucherten Schankstuben gelegen, wo es die Bands noch gab, wo noch Gläser zerdrückt wurden mit bloßer Hand und ein Kunde dem anderen die Scherben aus dem Handballen zog mit der für diese Handlung vorgeschriebenen, unvergleichlichen Zärtlichkeit.“

Wir werden uns wundern. Alles neu macht der Mai. Es wird den Defibrillator nicht brauchen, der am Eingang zum Festivalort hängt, um aus dem Blues aktuelle Musik zu machen, die das Festival in seinem Untertitel verspricht. Wir werden die Gläser zerbrechen schon beim Auftaktkonzert mit der japanischen Pianistin Aki Takase und ihrer New Blues-Band. Eugene Chadbourne und Rudi Mahall sind in Eberswalde gut bekannte Charismatiker, Exzentriker und Skurriliker, vergnügungssteuerpflichtig zum Höchstsatz. Wir werden uns die Scherben aus der Hand reißen beim Konzert von Puts Marie, einer Schweizer Band, der ein so sagenhafter Ruf vorausgeht, dass unter den Eberswalder Jazzaktivisten schon jetzt Streit ausgebrochen ist, wer an diesem Abend, fern der Bühne, die Kasse bewachen muss. Und wir werden zärtlich zueinander sein, beim leidenschaftlichen Gesang der 73-jährigen Ogoya Nengo und ihrer Dodo Womens Group, die ein Musikerleben lang aus Kenia nicht herauskamen – und nun von Eberswalde zu einer Europatournee aufbrechen.

Was das Abschlusskonzert betrifft, so werde ich mich nicht wundern. Im April 2015 hörte ich - neben Udo Muszynski - bei der „Jazzahead!“, Europas größter Jazzmesse, im alten Bremer Schlachthof das Andromeda Mega Express Orchestra musizieren. Es erschien uns als ein Klangkörper von einem anderen Stern. Udo Muszynskis Augen schimmerten feucht; Tränen der absehbaren Vergeblichkeit, dachte ich: 17 Musiker, auf der Bühne des Paul Wunderlich Hauses, unmöglich. Und jetzt kommen sie doch – mit einem speziell für Eberswalde zusammengestellten Bluesprogramm.

Thomas Melzer wird die Geschichten des Festivals wieder aktuell in seinem Blog veröffentlichen, täglich auf dieser Seite. Dazu die Konzertfotos vom Vorabend von Torsten Stapel.

Den Festivalpass für das gesamte Festival sowie Tickets für einzelne Konzerte gibt es hier . Restkarten an der Abendkasse.


Pressegespräch zu Jazz in E. Nr. 22 am 20. April 2016, Paul-Wunderlich-Haus.
(Fotos: Torsten Stapel)

Presse1

Bürgermeister Friedhelm Boginski, Dr. Wilhelm Benfer (Landkreis Barnim), Günter Pianka (Sparkassenvorstand), Festivalleiter Udo Muszynski


Presse2

Bürgermeister Friedhelm Boginski, Matthias Schwarz nebst Nachwuchs, Tim Altrichter, Dr. Wilhelm Benfer (Landkreis Barnim), Andrea Stapel, Günter Pianka (Sparkassenvorstand), Sven Wallrath, Steffen Ehlert, Udo Muszynski, Alexander Jentsch (Autohaus an der Wilhelmsbrücke), Sascha Leeske

Blog 2015

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