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Warum offene Formate an verschiedenen Orten funktionieren

Christin Hering im Gespräch mit Udo Muszynski

Udo Muszynski – vielen als Macher von Guten Morgen Eberswalde bekannt – hat 2019 mit uns das Experiment Galerie Fenster in der Brandenburger Allee gewagt. 2020 fand sie in der WERFT in der Prignitzer Straße 50 ein festes Zuhause. Seitdem ist auch Mescal – das Unternehmen von Udo Muszynski – dort Mieter. Wieder ein gutes Jahr später bereichert die Helle Stunde mit Kultur den Wochenmarkt im Brandenburgischen Viertel. Veranstalter ist wieder Udo Muszynski. Im Interview erzählt er, warum seine offenen Formate an vielen verschiedenen Orten funktionieren.  

Lieber Udo, wie kam es eigentlich dazu, im Brandenburgischen Viertel eine Galerie zu eröffnen?
Auslöser war die Veranstaltung Hinter dem Fenster, mit der sich die 1893 von einem Haus verabschiedete, dass sie zurückbauen wollte. Wir haben dafür einen kleinen Abschied mit Erinnerungen und Begegnungen vorgeschlagen und für einen Abend eine einzige Wohnung in dem sonst dunklen Haus eingerichtet. Es gab Konzerte, eine Installation mit Zeitungsartikeln aus 40 Jahren Viertelgeschichte, ein Kondolenzbuch und stündlich eine Trauerrede. Die Menschen konnten sich erinnern, Wut und Trauer rauslassen oder einfach nur dem Konzert lauschen. Aus diesem kleinen Format entstand die Idee, ein weiteres Haus mit Leben zu füllen, bevor es abgerissen wird. Die Galerie Fenster. 

Warum hat sich die Galerie so gut etabliert?
Ich denke, sie hat eine Lücke besetzt – im Viertel und in der gesamten Stadt. Einen Ausstellungsort mit einem Schwerpunkt auf Fotografie und Grafik gab es bis dahin nicht in Eberswalde. Und es war auch das, was sich in diesen kleinen Räumen in der Brandenburger Allee anbot. Für das Viertel sollte die Galerie vor allem ein Treffpunkt sein – mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, Kino und Getränken. Das hat funktioniert.

Mit deinem Unternehmen bist du der Galerie ein Jahr später nachgezogen. Warum?
Bei der 1893 war ziemlich schnell klar, dass sie das Kulturangebot im Viertel halten wollen. In der Prignitzer Straße 50 bot sich das ehemalige Freizeitschiff an. Wir nennen es jetzt WERFT. Hier gibt es großzügigere Räume und Gewerbeflächen. Ich hatte mein Unternehmen zu dieser Zeit auch neu ausgerichtet und suchte mit meinen Leuten nach einem gemeinsamen Raum. Die Idee, hier auch die Galerie fest anzusiedeln, war spannend, weil wir sie so auch mal auf Zuruf öffnen können. Es war und ist ein großer Gewinn, alles
an einem Ort zusammen zu führen. Wir haben hier viele Freiräume.

Und jetzt die Helle Stunde mit Kultur auf dem Wochenmarkt im Brandenburgischen Viertel. Ein ähnliches Format wie Guten Morgen Eberswalde in der Innenstadt. Brauchte es die Präsenz von Udo Muszynski hier im Viertel, damit die Helle Stunde im Brandenburgischen Viertel möglich wird?Keine Ahnung. Jedenfalls erinnert mich das an das Eberswalder Stadtzentrum, das sich Mitte der 2000er wiedererfunden hat. Deutlich vor dem Start von Guten Morgen Eberswalde haben wir mit kulturellen Initiativen den Rohbau des Paul-Wunderlich-Hauses inszeniert. Ein Stadtzentrum braucht Treffpunkt-Qualitäten. Da sollten auch Kunst und Kultur regelmäßig einladen. Bei der Hellen Stunde war beeindruckend, wie schnell die Finanzierung für die ersten Ausgaben stand. Alle vier Wohnungsanbieter teilten sich im Rekordtempo die Kosten dafür. Wir spüren, dass sich viele etwas versprechen von diesem künstlerischen Impuls.

Wie blickst du auf die vergangenen zweieinhalb Jahre im Viertel zurück? Was hat sich in Sachen Kunst und Kultur getan?
Ich würde es Bestätigung und Anfang nennen. Es freut mich, dass immer mehr Menschen zur Hellen Stunde kommen. Dieses offene Format ist für alle da. Nicht jede und jeder traut sich sofort heranzutreten. Aber das kommt, wenn wir sichtbar und verlässlich bleiben. Wenn wir also jede Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort spielen. Dann spüren die Menschen, dass das, was da gespielt wird, für sie ist. Bei Guten Morgen Eberswalde hat sich das ähnlich entwickelt. Die Abstände zwischen Künstlerinnen und Publikum waren anfangs
riesig. Heute setzen sich die gleichen Besucher wie selbstverständlich in die erste Reihe. Vielleicht kommen die Menschen, die jetzt die Helle Stunde besuchen, auch mal in die Galerie oder andersrum. Das entwickelt sich. Andererseits sind wir auch immer noch am Anfang, nicht zuletzt, weil es für Begegnungsformate aktuell schwere Einschränkungen gibt.

Das, was die Menschen bei Guten Morgen Eberswalde, bei der Hellen Stunde und bei Veranstaltungen in der Galerie auf die Ohren und Augen bekommen, kennen sie meist
nicht. Es ist vielleicht nicht mal das, was ihnen gefällt. Wie erklärst du dir, dass sie trotzdem wiederkommen?
Sie wissen, dass sie eine große Vielfalt sehen und hören. Wenn es ihnen mal nicht gefällt, überprüfen sie in der Woche drauf, was es gibt und ob ihnen das mehr zusagt. Bestimmte Hör- und Sehgewohnheiten muss man sich auch erst antrainieren oder für sich entdecken. Es macht auf jeden Fall etwas mit den Menschen und das werden wir auch im Viertel seh‘n.

Kunst und Kultur ist ein schwieriges Geschäft. Um Finanzierungen auf die Beine zu stellen, sind oft Umwege nötig, die Kraft rauben. Was würdest du hier im Viertel kulturell machen, wenn Budgets für Geld, Zeit und Kraft keine Rolle spielen?
(lacht und überlegt eine Weile) Vielleicht wären wir mit allem schneller, könnten die Galerie öfter öffnen, könnten mehr offene Veranstaltungen machen, das Außengelände schneller
zu einem Treffpunkt entwickeln. Mit einem riesigen Dach wie in einer WERFT, mit vielen Sitzmöglichkeiten und einer Kulturkneipe. So, dass die Menschen einfach so auf ’s Gelände kommen, sich begegnen und gemeinsam Zeit verbringen. Am Format selbst würde ich nichts ändern. Kunst und Kultur ist für alle da. Das funktioniert am besten mit offenen Formaten.

Wir freuen uns auf dieses Ziel und auf den Weg dorthin. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Format „Hinter dem Fenster“ zum Abschied von der Brandenburger Allee 27 bis 35 war der Auslöser für die Galerie Fenster im Brandenburgischen Viertel. Seit 2019 lädt sie zu Kunst und Kultur im Viertel ein. Foto: Steffen Groß

Das Interview ist im 1893-Magazin 03/2021 (Oktober 2021) erschienen.

https://www.1893-wohnen.de/wp-content/uploads/2021/10/die1893-Magazin-03_2021-Doppelseiten-web.pdf

Die Agentur „Udo Muszynski Konzerte + Veranstaltungen“ tritt von der Ausschreibung zum Betrieb des Weihnachtsmarktes Eberswalde (Zeitraum: 2020 – 2024) zurück. Die komplette Pressemitteilung siehe hier.

Wir sind begeistert! Guten-Morgen-Eberswalde erhält den APPLAUS 2021!! Mit 101 Auszeichnungen in den drei Hauptkategorien „Programm‟, „Spielstätte‟ und „Programmreihe‟ ehrt der APPLAUS (Auszeichnung der ProgrammPLAnung Unabhängiger Spielstätten) all jene, die außergewöhnliche Konzertformate entwickeln, Talente aufbauen, regionale Szenen stärken und kollektive Erlebnisse schaffen, die weit über den reinen Musikgenuss hinausgehen. Die Initative Musik lädt zur Preisverleihung via Livestream mit Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters. Dienstag, 29. Juni 2021 – ab 19:30 Uhr aus dem Säälchen Berlin, siehe dann hier: https://applaus-award.de/ Guten-Morgen-Eberswalde ist der einzige Preisträger aus Brandenburg.

Unsere neue Website ist online!

Alle Informationen zu den von uns oder im Auftrag veranstalteten, öffentlichen Live-Kultur-Events gibt es auf den jeweiligen Projektseiten. Auch unsere Agentur Udo Muszynski Konzerte + Veranstaltungen sowie der Verein Begegnungszentrum Wege zur Gewaltfreiheit e.V. stellen sich unter mescal.de vor.

In unserem direkt verlinkten MESCAL-Shop können Tickets für die Festivals gekauft werden, eine Anmeldung für den wöchentlichen Kulturnewsletter ist über die neue Website ebenfalls möglich.

Alle vergangenen Veranstaltungen vor 2021 können weiterhin in unserem digitalen Archiv gefunden werden – im Menü unter „Unsere alte Website“ oder als Direktlink auf der jeweiligen Projektseite.

Festival der leisen Gesten – ein vorläufiger Abschluss…

Der achte und zunächst letzte Tagebucheintrag des Reisenden Julian Bellini, welcher die besondere Bootsfahrt auf dem Finowkanal vom 1. bis 23. August 2021 in seinem Logbuch zur Reise beschreibt.

Neue WERFT TV Ausgabe!

STUDIO HALBELF No. 22 „Die leise Geste – Wie kommt die Kunst zum Publikum?“ jetzt online.

Helle Stunde mit Kultur

Morgen, am 14. Juli 2021, ist es genau 14 Jahre her, das Guten-Morgen-Eberswalde ein erstes Mal zu kulturellen Interventionen in das Zentrum der Stadt rief, seither erging die allwöchentliche sonnabendliche Einladung bereits 731 Mal. Möglicherweise ein gutes Datum für den Start einer neuen Initiative, denn am morgigen Mittwoch und somit taggenau, startet die „Helle Stunde mit Kultur„. Treffpunkt ist fortan immer mittwochs von 11 bis 12 Uhr der Wochenmarkt auf dem Potsdamer Platz im Brandenburgischen Viertel. Die ersten vier Veranstaltungen im Rahmen einer Pilotphase werden jeweils zum gleichen Teil von der Wohnungsgenossenschaft Eberswalde 1893, der WHG Wohnungsbau- und Hausverwaltungs- GmbH, der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und der TAG Wohnen und Service GmbH finanziert. Morgen zur Premiere kommt Moes Rockin Pickup. An Bord: Danny O‘ Connor & Moe Jaksch. Irish Folk in der Mitte der Woche!

Logbuch des Reisenden Julian Bellini

Julian Bellini ist Akteur des „Festival der leisen Gesten„, welches aktuell auf und am Finowkanal gastiert und bei unseren regelmäßigen Kulturformaten zu erleben ist, wie z.B. bei Guten Morgen Eberswalde, der Hellen Stunde mit Kultur und in der Galerie Fenster. In einem Logbuch schreibt Julian Bellini von seinen Eindrücken und Begegnungen.

Die internationale Künstlergruppe um den Initiator des Festival der leisen Gesten Georg Traber ist noch bis zum 22. Augsut auf dem Gewässer zwischen Finowfurt und Niederfinow unterwegs.

Guten Morgen Eberswalde wird 14 Jahre alt

Guten Morgen Eberswalde wird im Juli 14 Jahre alt und ist seit dem Start am 14. Juli 2007 nie ausgefallen. Für den kommenden Monat nehmen wir uns einfach mal wieder einen Zusatzsonnabend und laden zu den Ausgaben 730 bis 734 an verschiedene Orte der Stadt. Nach acht Monaten Pause wird allerdings unsere Monatskarte wieder auftauchen und in der kommenden Woche in der Stadt verteilt…

Pressegespräch zu Jazz in E. No 26

Heute am Freitagvormittag (18. Juni) hatten wir zum Pressegespräch zu Jazz in E. No. 26 auf den Hof des Haus Schwärzetal geladen. Das Foto von Torsten Stapel zeigt Jazzaktivisten und einige unserer Partner und Sponsoren, so Uwe Riediger vom Vorstand der Sparkasse Barnim, Jan König als Kulturdezernent der Stadt Eberswalde und Mike Andreae vom Autohaus an der Wilhelmsbrücke. Mehr zum Programm vom 2. bis 4. Juli 2021 in fünf Gärten der Stadt und mit insgesamt 15 Acts hier. Die Zuschauer wechseln zwischen den fünf Konzertorten und erleben an jedem Tag fünf Minikonzerte! Open Air – notfalls Regenschirme mitbringen. In diesem Jahr kann das Publikum mit eigenem Proviant bei den Veranstaltungen dabei sein, es wird an den einzelnen Orten keine gastronomische Versorgung geben. Toiletten gibt es an allen fünf Veranstaltungsorten. Der Startort wird beim Ticketkauf ausgewählt.
Vorverkauf über unseren Mescal Shop, sowie über die Vorverkaufsstellen in der Eberswalder Tourist Information im Museum in der Adlerapotheke und bei der Barnimer Busgesellschaft im Paul-Wunderlich-Haus in der Friedrich-Ebert-Straße.

Blog

Eine Vision, aufgeschrieben im November 2008, im Oktober 2021 wieder einmal hervorgeholt

Von Udo Muszynski

Als ich vor knapp fünfzehn Jahren, es muß so Ende 2008, Anfang 2009 gewesen sein, aus Eberswalde wegging, da dachte ich dann doch – ist vielleicht gut so, alles hat seine Zeit.

Nicht, daß es mir nicht gefiel, hatte diese Stadt doch eine wundervolle Umgebung und an den Sommerabenden war man ganz schnell mit dem Rad am Bachsee oder auch mit den schnellen Autos der Freunde am Werbellinsee. Auch konnte man damals erstmals wieder davon reden, daß die Stadt so etwas wie ein Zentrum hatte. Draußen, auf dem Marktplatz einen Kaffee trinken, daß hatte es Jahrzehnte nicht gegeben und so langsam ergriffen die Menschen wieder Besitz von ihrer Stadt, zeigten sich, trafen sich. Das neu erbaute Paul-Wunderlich-Haus hatte der Stadtmitte ein neues Gepräge gegeben, war eine durchaus gelungene Ergänzung der Herzog & de Meuron – Bauten am angrenzenden Stadtcampus, und präsentierte in einem Verwaltungsgebäude zeitgenössische Kunst. 

Ich als ein Jazzfan, gewissermaßen von Geburt an, begeisterte mich an dieser sich immer wieder verjüngenden und somit aktuellen Musik und hatte ein Festival vor der Tür, wie es ein vergleichbares im Land Brandenburg nicht gab. Ein junges Filmfest fand seine Gestalt und seine Besucher und Besucherinnen. In der Nähe siedelte ein britisches Künstlerpaar und baute einen Wasserturm zur touristischen Attraktion. Künstlerrinnen mit Handschrift, wie Gerhard Wienckowski und Gudrun Sailer, lange etwas im Verborgenen arbeitend, wurden überregional sichtbar, anerkannt. Auch schaute ich hin- und wieder bei den Studenten und Studentinnen vorbei, wunderte mich jedoch, daß sie sie oft unter sich blieben, ein fast kasernenähnliches Leben führten und enorm viel Zeit auf der Bahn verbrachten. 

Die Stadt selbst hatte Mitte der Neunziger Jahre das Kulturamt abgeschafft, alles Kulturelle ward endgültig in die Nische gedrängt. Im Vorbeigehen hängt man der Kunst und Kultur auch noch schnell das Elitäre an. Nichts Essentielles, nichts was zur Grundausstattung des Lebens gehört. Gerne als Bonus, nach getaner Arbeit, ein Zusatz, etwas was man aber auch ohne Probleme lassen kann. 

Nun, kurz bevor ich mich aufmachte, wurde ein Kulturamt neu gegründet. Ob es mehr als eine symbolische Handlung des neuen (durchaus sehr kulturaffinen) Bürgermeisters war, noch nicht wirklich einzuschätzen. Zwar wurde zwischenzeitlich auch von den lokalen Verantwortungsträgern erkannt, daß es der künstlerischen Impulse bedarf, dass Kreativität ein Fortschrittshebel ist, dass kulturelle Veranstaltungen mit Außenwirkung der Stadt ein erheblich aufgebessertes Image verschaffen können – nur zu wirklichen Investitionen zeigte man sich noch nicht bereit. Kunst und Kultur, das geht ja auch mit Luft und Liebe. Viel wollen, wenig investieren, wäre die drastisch formulierte Zuspitzung.  

Nun gut, ich war dann mal weg.

Und jetzt, will ich unbedingt wieder hin. 

Am letzten Sonnabend, und das Jahr 2021 neigt sich so langsam dem Ende, führte es mich wieder in die Stadt. Ich besuchte die 750. Veranstaltung von Guten-Morgen-Eberswalde, eine Reihe welche ich noch aus den Anfangstagen kannte. Zum Jubiläum machten es insbesondere Künstler aus den neuen „Quasi-Partnerstädten“ Göteborg und Barcelona zu einem schönen Straßenspektakel. In diesen Städten hatte sich das Veranstaltungsformat, hier hieß es jedoch Guten-Morgen-Göteborg bzw. Guten-Morgen-Barcelona, ebenfalls gut entwickelt. 

Eberswalde ist jetzt kulturell über Deutschland hinaus gut vernetzt. Die Menschen sind auf Reisen, kommen allerdings gerne wieder. Es gibt viele Treffpunkte, Kulturcafes, Galerien, sogar ein Studiokino, mal privat, mal über einen Verein betrieben. Der Clou ist die Freie Schule für künstlerische Gestaltung. Denn die vielfältigen kulturellen Impulse inspirieren zur Selbsttätigkeit, zum Entdecken der eigenen Möglichkeiten. Die Touristinformation ist rund um die Uhr geöffnet, kein Wunder hat es doch jetzt ein angeschlossenes Hotel & Hostel. Ich muß mal rausbekommen, in welcher Trägerschaft das funktioniert. Auch weiß ich gar nicht, ob es das Kulturamt der Stadt immer noch gibt. Vielleicht ist es dieses mobile Servicebüro, wo ich mir vorhin das „Wunder“ geholt habe, was für ein Name für eine kulturelle Monatszeitschrift. Die gemeinsame Bibliothek von Stadt und Fachhochschule ist ein stark frequentierter Lesetreff aller Generationen. Hier gibt es ungezählte Tages- und Monatszeitschriften und einen guten Grundbestand. Alles Spezielle erhält man binnen Stunden über die Fernausleihe. Mit dem geplanten Neubau soll hier im übrigen demnächst auch das städtische Archiv angekoppelt werden. 

Archiv, Geschichte, gar kein so schlechter Gedanke. Müssen wir doch wissen, wo wir herkommen, damit wir eine Ahnung davon bekommen, wohin wir gehen.

Der Text entstand für die „Zukunftswerkstatt“ verschiedener Eberswalder Kulturakteure am 1.12.2008 im Tanzsalon Zippel. In einer selbstorganisierten Kulturwerkstatt wurden in einem langen Prozeß die Voraussetzungen für eine Kulturentwicklungskonzeption für die Stadt Eberswalde geschaffen.

Guten-Morgen-Eberswalde No. LIII am 12. Juli 2008 (Ein Jahr Guten-Morgen-Eberswalde). Foto: Torsten Stapel

von Udo Muszynski

Diese Mode hält sich jetzt doch bestimmt bald fünfzehn Jahre, oder? Sie sehen sie doch auch immer noch überall, nicht wahr? Junge, mitteljunge Menschen, also Mitdreißiger durchaus dabei, mit Löchern in den fabrikneuen Hosen.

Die Botschaft dahinter: Ich habe mich in den Wind gestellt, der Regen kam hinzu. Die Party war heiß und laut und die Nacht ganz kurz. Kein Auge habe ich zu gemacht, keinen Wecker gestellt. Ich bin da immer durch. Mein selbstgewählter Platz war der Bordstein, das Geländer, die herbeigezogene Kiste. Kein Kissen nirgends. Mit den Jungs den Ball geholt. Mal Straße, mal Schotterplatz und dann über das nasse Gras gerutscht. In der Werkstatt geschraubt, überall Schmiere, auch an der Hose, die dann über dem Beckenrand geschrubbt. Das Leben hart und schön, Rock’n’Roll halt. Immer geht was kaputt, immer wieder wird geflickt. 

Tja, das wäre was und die Hose eine Trophäe! 

Stattdessen hat der ein- oder andere von den vermeintlichen Kämpfen Gezeichnete noch nie ein Feuer selbst angemacht. Wenn es kalt ist, geht er einfach nicht raus. Sicher ist sicher und das Fahrrad wird nie ohne Helm benutzt.  

4. Oktober 2021

Foto: Josch der Frosch

Von Udo Muszynski

Ein Sinnbild der letzten ein, zwei Jahrzehnte sind für mich hierzulande die Zäune. Neue Zäune überall. In der Regel sind sie heute doppelt so hoch wie in den Zeiten meiner Kindheit, sie sind häufig von zweifelhafter Schönheit und zudem immer öfter ganz und gar undurchsichtig. Diese Entwicklung scheint mir längst nicht mehr nur auf Eigenheimquartiere beschränkt, auch in Neubauwohnungssiedlungen, die ja zumeist in einem relativ kurzen Zeitraum als Planstädte, also mit einer Gesamtidee gewachsen sind, entdecke ich heute umzäunte Bereiche. Das gehört der Wohnungsgesellschaft A und dies der Wohnungsgesellschaft B. Der Zaun als Eigentumsanzeige, als vermeintliches Schutzschild, als Signal der Abgrenzung. Hier ist Schluß, das gehört mir, das gehört uns.

Was habe ich mich in den letzten Jahren über allerorten unterbrochene Wege, über verklebte Einsichten geärgert. Aber irgendwie habe ich mittlerweile auch Verständnis für die Zaunbauer. Denn wenn der öffentliche Stadtraum nicht als Treffpunkt dient, dann schaffen die Leute sich halt ihr Reich hinter der Mauer. Und wenn es Vielen so geht und Viele so handeln, dann teilt sich der Raum konsequent in öffentlich und privat.

Mein Plädoyer gilt dem vergessenen Zwischenraum, dem allerdings notwendigem Scharnier zwischen diesen sich gegenüberstehenden Welten. Hier im Übergangsbereich, im Halböffentlichen, ist die Verantwortung geteilt, es ist noch ein bißchen privat, es ist noch nicht ganz öffentlich. Vielleicht ist diese vorgerückte kleine Grenze auch durch einen kniehohen Zaun markiert, damit hätte ich wohl kein Problem. Jedenfalls sieht man sich, kann sich auf Zuruf unterhalten und flugs ist auch eine Einladung ausgesprochen. Dann geht der Eine raus, oder der Andere kommt rein und schon haken sich zwei Welten zusammen.

Ps. Losungsvorschlag: Bildet Vorgärten!

24. September 2021

Zaungestaltung und Foto: Gudrun Sailer

In der aktuellen Kolumne von Kenneth Anders auf dem Blog des AUFLAND Verlages spielt auch das Kulturverständnis von „Guten-Morgen-Eberswalde“ eine Rolle. 

Wir laden zu Begegnungen und setzen uns seit Jahrzehnten für offene Kulturformate ein. Bei uns muß niemand einen Ausweis vorzeigen und das wird auch so bleiben. Der Zugang ist bedingungslos, klar, hier und da kostet es Eintritt, aber mehr als die Eintrittskarte wird von uns nicht kontrolliert.

© 2021 Udo Muszynski Konzerte + Veranstaltungen

Website gefördert durch das Eberswalder Wachstums- und Konjunkturpaket vom 22.7.2020

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