Festival der leisen Gesten

Vom 21. August bis 10. September 2024 auf dem Finowkanal

Clownerie beim Festival der leisen Gesten 2023, Foto: Steffen Groß
Beim „Festival der leisen Gesten“ auf dem Finowkanal schließen sich unterschiedliche Menschen mit ihren Produktionen zu einem größeren Ganzen zusammen. Mit leichtem Gepäck auf kreativ umgebauten Tretbooten begegnen die Künstlerinnen und Künstler ihrem Publikum links und rechts des Finowkanals auf Augenhöhe. Geboten werden Geschichten, Artistik, Installationen, Clownerie und Musik.
Während der Tour schlafen und wohnen die Reisenden auf den Booten, in Zelten am Ufer oder sind zu Gast bei Einheimischen. Diese Reise, diese Art zusammen unterwegs zu sein, mit wenigen und teils ungewöhnlichen Mitteln den Alltag zu bewältigen, die Lust mit Passanten ins Gespräch zu kommen, versteht sich über die ganze Reisezeit hinweg als Langzeit-Performance.
Eintritt nach eigenem Ermessen.

    

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Vorschau Programm 2024

Rückblick Programm 2023

Festival der leisen Gesten – Auf dem Finowkanal
25. Juli bis 15. August 2023

Festival der leisen Gesten mit Tretbooten auf dem Finowkanal, Foto: Eblofari

„Das Festival der leisen Gesten“, eine internationale Künstlergruppe, ist im dritten Jahr hintereinander, auf dem Finowkanal mit ihren selbstgebauten Tretbooten unterwegs. Wir von Mescal (Udo Muszynski Konzerte + Veranstaltungen) sind in gewisser Weise Gastgeber des Unterfangens und verzahnen das Festival mit unseren eingeführten Formaten, wie beispielsweise Guten-Morgen-Eberswalde. In diesem Jahr reist das Festival der leisen Gesten mit einer festen Crew von vier Reisenden. Ursula Suchanek, Anne Harmsen, Julian Bellini und Georg Traber werden nicht nur einige Veranstaltungen mit ihren teils neuen Programmen bespielen, sie werden auch Gastgeber für jeweils bis zu vier Gästen sein. Gäste welche die Fahrt zur Arbeit an ihren neuen Programmen nutzen werden. Das Festival wird also zur fahrenden Residenz und freut sich wie immer auf Begegnungen aller Art.

Impressionen vom Festival der leisen Gesten 2023

Interviews mit Georg Traber und Julian Bellini

Festival der leisen Gesten - Logbuch 2023 von Julian Bellini

Mittwoch, 30. August 2023
Im Zug, aber mit Blick auf einen anderen Kanal

Boote IV

Die Hubbrücke bei den Familiengärten ist jedes Jahr eine kleine Herausforderung für uns, wir haben nie die Geduld auf ihren Hub zu warten, außerdem wollen wir nicht die Straße für unsere Durchfahrt blockieren, zwanzig Minuten Straße zu für eine Minute Durchfahrt fühlt sich einfach ein bisschen unverhältnismäßig an. Außerdem können wir an zwei Booten das Dach in wenigen Handgriffen flachlegen um unter der Brücke durchzukommen, leider dauert es an den zwei anderen Booten länger, und ist auch nicht so praktisch. Und weil das dann immer ein etwas komplizierter Moment ist, bei dem ich dann schlussendlich auch ein wichtiges Teil verloren habe (siehe Boote I), kann man dann auch immer was vergessen, und so vergisst Georg bei der ersten Durchfahrt ein Teil abzunehmen das so an den
Brückenbalken stößt und sich verbiegt. Naja, das Boot funktioniert auch so, und tagelang unternimmt er nichts um das Teil zu reparieren. Aber es wackelt immer mehr, aber wie das manchmal so ist, man hat etwas zu tun, aber wenn man Zeit hat, denkt man nicht daran und wenn man daran denkt, hat man keine Zeit. In dem Fall denkt man daran beim Fahren, aber da hat man keine Zeit, außer man nutzt eine Schleusenfahrt, sozusagen eine kurze Pause, wo Georg kurz die Hände frei haben kann, während Anita die Seile hält, und so, mindestens zwei Wochen später, nutzt er die Zeit während das Schleusentor sich schon schließt, um sich das verbogene Teil vorzunehmen, ein bisschen sind wir schon abgesunken, das Teil ist auseinandergenommen, Wasser gluckert und rauscht in den Kanal unter der Schleuse, ein Stück gesplittertes Holz wird abgesägt, unsere Köpfe sind schon niedriger als die Mauer des Schleusenbeckens,
eine neue Schraube wird eingesetzt, am Wasserstand in der Schleuse lese ich ab wie viel Zeit ihm noch bleibt, bevor er mit seiner Reparatur fertig sein muss, und alles wird wieder solide zusammengehämmert, ein mindestens ungewohntes Geräusch in dieser Umgebung, bekannt eher von einer Schneiderwerkstatt als einer Flussfahrt, und tatsächlich räumt er sein Werkzeug auf, während langsam das erste Schleusentor aufgeht. Zufrieden packt er seine Säge und seinen Hammer wieder ein, fegt noch kurz die Holzspäne ins Wasser, und sein Boot legt wieder ab und gleitet aus der Schleuse…

Tiere IV

Mein Boot liegt im Schilf, ich habe wieder den kleinen Steg angelegt, der mir hilft, trockenen Fußes ins Boot zu steigen. Jedes Mal, wenn ich in die Nähe des Stegs komme, plätschert Wasser links und rechts davon im Schilf und erst verstehe ich gar nicht recht warum. Nachdem es tagelang kalt und nass war, scheint heute mal wieder ein bisschen die Sonne, und irgendwann merke ich, was da passiert. Die Frösche klettern aus dem Schilf ins kurze Gras um sich zu sonnen, und jedes Mal, wenn ich in die Nähe komme, springen sie
erschrocken zurück ins kühle Nass.
Ich frage mich, ob auf den zwei Metern neben meinem Steg die Frösche jetzt einen signifikanten Nachteil haben, vielleicht funktioniert ja wegen den unterbrochenen Sonnenmomenten ihr Immunsystem schlechter als wenn ich nicht hier angelegt hätte, oder ihre Fortpflanzung ist von der niedrigeren Durchschnittstemperatur in ihren kleinen wechselwarmen Körpern in Mitleidenschaft gezogen. Bin ich jetzt ein evolutionärer Nachteil für meine Nachbarn, die mir ja eigentlich am Herzen liegen, bin ich schuld, dass sie in dem knallharten Überlebenswettbewerb mit ihren konkurrierenden Froschfamilien, einige Meter weiter im selben Schilf, jetzt ein spürbares Handicap haben? Jedenfalls überlege ich jetzt zweimal ob ich wirklich in mein Boot muss, oder ob ich die Frösche lieber in Ruhe lasse…

Tiere V

Wir fahren seit fast einer Stunde, wir müssen schließlich heute noch ein paar Schleusen hinter uns bringen und ich trete mein Boot in einem soliden Reiserhythmus durch den Wald unterhalb der Schleuse Ragöse. Als das Schleusentor in Sichtweite gerät, muss ich kurz
aufstehen und die Fender raushängen, die mein Boot davor bewahren sich an der Schleusenwand wundzureiben.
Wenige Handspannen hinter dem Heck meines Bootes sehe ich etwas Seltsames, ein Faden hängt an einer Zeltstange und zieht etwas kleines im Wasser mit. Eine kleine V- förmige Welle hat sich geformt und ich verstehe, sehe nach, was da Winziges festhängt, und
warum. Ich weiß nicht, ob ich schon mal darüber geschrieben habe, wie schnell sich eine beeindruckende Spinnenbevölkerung in unseren Booten breitmacht, und ich wundere mich jedes Mal, wie das so schnell solche Ausmaße annehmen kann, und was die Spinnen davon halten, jeden Tag woanders hingeschippert zu werden, jeden Tag in die Zeltplane eingerollt zu werden oder in Kisten verpackt zu sein.
Diese Spinne ist entweder überrascht worden, oder sie hat beschlossen, dass heute ein guter Tag ist, um Wasserskifahren zu lernen… Seit einer Stunde hängt sie an ihrem Faden im Wasser und lässt sich von meinem Boot mitziehen… Ich ziehe sie vorsichtig am Faden
wieder ins Boot und setze sie an die Zeltstange, eine kleine Bitte um Entschuldigung formt sich in meinem Geist, auch wenn ich keine Ahnung habe wie Spinnen mit diesem Erlebnis zurechtkommen, aber sie entfaltet doch recht schnell ihre Beine und sieht von dieser
Erfahrung recht unbeeindruckt aus…
Ich bin insgeheim ein bisschen beruhigt, schließlich muss ich noch ein paar Nächte in meinem Zelt verbringen und es ist immer besser wenn die Mitbewohner nicht sauer auf einen sind…

Tiere VI

Ich gebe zu, ich hätte ein bisschen besser aufräumen können. Die Sachen liegen etwas unsortiert im Gras, ein paar Stühle stehen in einem Grüppchen, dazu ein bisschen Kaffeegeschirr, dann ein bisschen freier Platz, dann wieder ein paar Küchensachen, das
Besteck in seiner Kiste, dann eine kleine Kiste mit Olivenöl und Essig und Gewürzen, dann
wieder Stühle und einer unserer Öfen…
Die Frau ist mit ihrem Hund schon an unserem kleinen Camp vorbeigekommen, ich habe versucht sie herzlich zu begrüßen, ihre etwas verschlossene Antwort liegt bestimmt nicht in Unhöflichkeit begründet, sondern in starker und offensichtlicher Schüchternheit. Ihr Hund ist groß und etwas eigensinnig, schon am Hinweg hat er versucht sich loszueisen und unsere Sachen zu erforschen, jetzt sind sie beide auf dem Rückweg und ich habe es versäumt in der Zwischenzeit aufzuräumen. Sie ist wohl ein bisschen abgelenkt und ihr vierbeiniger
Begleiter hat es geschafft in seinem entspannt trottenden Gang ihrer Aufmerksamkeit zu entfliehen und er ist mir nichts dir nichts auf meiner Seite unseres kleinen verstreuten Küchenhaufens gelandet. Um auf keinen Fall über unsere Sachen zu steigen, nicht mal
zwischen ihnen durchzugehen, muss sie ein paar Schritte zurückgehen, als ob jede Tasse im Gras ein hoher Zaun wäre, durch den man zwar hindurchsieht, den man aber nicht überqueren kann. Ich bin beeindruckt von ihrer Umsicht und gleichzeitig ein bisschen
gelähmt von ihrer Schüchternheit. Sie nimmt ihren Hund am Halsband und dreht vorsichtig bei, um wirklich keine unserer Sachen zu berühren, sie hält kurz inne, ich weiß nicht wie ich ihr den Weg einfacher machen kann, sie hat mich nicht angesehen, ich habe Angst sie noch mehr zu erschrecken, wenn ich es mit Ansprechen versuche, sie geht die paar Schritte wieder zurück die ihr erlauben, unser Camp ganz zu umrunden.
Als beide wieder auf dem Weg sind und zusammen weitergehen kann ich im Gesicht ihres Hundes ganz klar das zufriedene Grinsen über seinen gelungenen Streich sehen. Er zwinkert mir komplizenhaft zu, aber ich weise jede Mittäterschaft entschieden von mir und
gebe ihm das auch durch meinen missbilligenden Blick zu verstehen.

Unternehmungen III

Jetzt endlich, endlich, im dritten Jahr unserer Tourneen auf diesem schönen Finowkanal, schaffen wir es, uns die Zeit zu nehmen, die es braucht, um mal entspannt Aufzug zu fahren. Wir liegen in Niederfinow und haben extra einen Tag mehr hier eingeplant, um diesen Ausflug unternehmen zu können.
Wieder dieses Gefühl fast auf dem offenen Meer anzukommen als die zwei kleinen Katamarane mit denen wir unterwegs sind, den großen Oder-Havel-Kanal kreuzen, an der Zufahrt zum neuen Hebewerk vorbeifahren und am Warteanleger für das ältere, das stählerne Ungetüm anhalten. „die Tretboote bitte zurückbleiben“… kommt eine Stimme aus dem Lautsprecher, als Georg sein Boot ein bisschen zu weit nach vorne gleiten lässt. Beruhigend, jemand weiß, dass wir da sind, jemand hat uns angesprochen, jemand kümmert sich um uns.
Das bleibt eine ganze Weile auch das Einzige was wir an Aktivität von der Hebewerksseite mitbekommen. Es ist Mittag und die Sonne scheint, Georg liegt auf seinem Boot auf dem Boden und hält einen Mittagsschlaf, Anita strengt sich an, ihn nicht zu wecken. Ursl und ich
beginnen Musik zu machen, gegenüber auf dem Boot sitzend, gewärmt von den Sonnenstrahlen, von denen wir in letzter Zeit sicher nicht zu viele hatten. Der Wind bleibt nett und schaukelt uns nur wenig und ich kann es einfach nicht fassen, was für aufregende
Musik aus den einfachen Akkordfolgen entsteht, die ich improvisieren kann, wenn ich Ursl nur ein paar Zeigerumdrehungen lasse, um darauf Melodien und Stimmungen zu stricken, die mit dem Wind über den Kanal verfliegen, nachdem sie mir den Kopf verdreht haben.
Erst als das Ausflugsschiff sich anschickt, eine weitere Runde mit der Badewanne in den ersten Stock zu fahren, tauchen auch noch ein paar Sportboote und sogar zwei Kajaks auf und wir dürfen endlich in den Bauch dieser himmelsstürmenden Konstruktion gleiten.
Das aus dem Wasser gehobene, tonnenschwere und massive Stahltor des Hebetroges sorgt für einen Tropfenvorhang an der Einfahrt, der der ohnehin beeindruckenden Silhouette dieser Hebekathedrale, ein spielerisches Element hinzufügt. Waren die Einfahrten zu
Geisterbahnen früher nicht auch manchmal mit einem Vorhang aus Wasser ausgestattet?
Das Licht verändert sich schlagartig während man unter dieser triefenden Kontrollbrücke hindurch ins Innere des Ungetüms fährt, und der Eindruck einer Kathedrale ist von innen eher noch stärker. Hier, auf der anderen Seite des Wasserfalls ein eigenes kleines Wunderland, und ich strenge mich an meinen Blick noch kurz auf die Poller und die Seile zu konzentrieren, um das Boot sicher anzubinden, es ist nicht so einfach irgendwo anders hinzusehen als gerade nach oben, mit den Augen den Kabeln folgend, an denen unsere Wanne hängt, das Tor senkt sich schon hinter mir und ein Signal kündigt die Abfahrt an.
Ursl und ich packen unsere Instrumente wieder aus, und während die Kabel sich zitternd spannen und unsere Reise nach oben in Gang bringen fängt ihre Geige die Stimmung ein und singt unsere Aufregung und unsere Anspannung, unsere Erwartung und unsere Freude in den himmelhohen Bauch dieser abenteuerlichen Konstruktion.
Plötzlich öffnet sich der Blick nach Osten. Wie von einem Balkon sehen wir über das Oderbruch immer weiter in Richtung der polnischen Hügel. Derweil zittert sich unser Gefährt nach oben und je mehr ich merke was passiert und beobachte wie die Rollen, Schrauben und Kabel zusammenspielen, desto mehr muss ich mich zurückhalten um nicht auszusteigen und über den Steg in die Streben dieses übertriebenen Krans zu klettern. Ich konzentriere mich auf meine Finger die die paar einfachen Akkorde auf die Gitarre
klopfen, und lasse die Musik für mich diesen offenen abenteuerlichen Raum erforschen.
Gute Entscheidung.
Schließlich sind wir hier oben nur um einmal rauszufahren, zu wenden und wieder ins Hebewerk einzufahren um ein paar Minuten und eine andere Musik später wieder unten zu sein. Der Tropfenvorhang entlässt uns wieder ins Fahrwasser und beseelt von dieser
Erfahrung und vom Wind im Rücken schießen wir regelrecht den großen Kanal Richtung Osten bis zu der Abzweigung des Finowkanals. Fast beruhigend wirkt die vertraute Schleuse jetzt auf mich. Ein bisschen wie Heimkommen. Ein wenig später sieht man das
Hebewerk nochmal über die Wiesen, von außen, von Weitem, und seine Dimension erschließt sich mir immer noch nicht, aber sein Anblick ist jetzt mit dieser Erfahrung verbunden, ein kleiner Schauer links und rechts der Wirbelsäule und Ursls Geige zwischen Maschinengeräuschen.

Gegenstände IV

Jetzt bin ich seit mehreren Tagen wieder zu Hause, die Wäsche ist gewaschen und wieder einsortiert, das Boot liegt auf dem Hänger unter einer leuchtend roten Plane die es davor schützen soll Wasser von der falschen Seite zu bekommen, das große Regal im Proberaum
ist wieder voll mit den Kisten und Bauteilen der Boote, nur das Werkzeug liegt noch verstreut im Hof, ich habe es noch nicht geschafft alles wieder einzuräumen, zwischendurch schon ein bisschen die Fahrräder der Kinder repariert, aber noch fehlt mir die Zeit und die Energie
um die Werkstatt aufzuräumen.
Und dann erreicht mich eine Mail von Ursl, eine sehr erstaunliche Nachricht, aber insgeheim habe ich darauf gehofft. Sie ist wieder in Eberswalde vorbeigekommen und hat einen der Schleuser getroffen, die seit drei Jahren Zeugen und Komplizen unserer Fahrten und Abenteuer sind. Hatte ich nicht am ersten Fahrtag dieses Jahr, also vor einer halben Ewigkeit, eine Zeltstange verloren? Die ich dann durch einen Ahornast ersetzt habe? Na, die Stange ist jetzt bei den Taucharbeiten an der Schleuse wieder aufgetaucht. Ich
bekomm sie also wieder.

Schön.

Runde Sache.

Danke Fluss.

Danke Menschen.

Bis zum nächsten Mal …

Sonntag, 20. August 2023
Ein Hotel an einem anderen Fluss, morgen ein anderer Auftritt, aber im
Geist immer noch auf dem Finowkanal

Tiere III
Der Kanal ist hier recht breit, aber die Fahrrinne ist nur etwa die Hälfte davon, ziemlich gut sichtbar, da an ihrem Rand die ersten Schilfhalme aus dem Wasser ragen und das flachere Wasser zu unserer Rechten markieren. Seit diesem Jahr ist das Fahrwasser auch mit
Tonnen markiert, die uns die Fahrspur vorschreiben, aber wir kämen sowieso nicht auf die Idee auf dem Seitenstreifen des Flusses zu fahren, er ist nämlich begrünt… Das heißt in dem Fall dass seine Oberfläche flächig mit Wasserlinsen bedeckt ist, und dagegen haben
wir letztes Jahr schon so manches Mal zu kämpfen gehabt, als wir die Alte Oder ins Oderbruch gefahren sind.
Schön sieht es aus, es wippt leicht im sanften Gegenwind, und ich verfolge mit den Blicken ein Blässhuhn das schwimmend eine kleine Spur in den Teppich zieht. Während ich so kucke fliegt ein kleiner Vogel heran, groß wie ein Sperling schießt er aus einem Busch am
Ufer…und landet auf dem grünen Linsenteppich…
Gar nicht so weit vom Blässhuhn entfernt das davon ungerührt bleibt. Ich glotze mit offenem Mund. Er hüpft sogar ein paarmal auf den schwimmenden Miniblättchen, und pickt, ein wenig halbherzig wie ich finde, als ob er es mit einem besonders raspelkurz geschnittenen Golfrasen zu tun hätte. Ob er etwas nach seinem Geschmack findet kann ich nicht beschwören.

Gesprächsstückchen V

Seit drei Tagen sitzt der Mann Tag und Nacht am Kanal, neben seinem Auto ist ein Zelt aufgebaut, zur Wasserseite hin offen, darin eine Liege, davor zwei Angelruten die den ganzen Tag und die ganze Nacht neu arrangiert werden, neu ausgestattet, mit Schwimmern die in der Nacht leuchten, mit Sensoren die piepsen oder vibrieren, wenn sich Blätter in ihnen verfangen müssen sie befreit und neu eingesetzt werden, bis in die Morgenstunden hofft unser Nachbar auf einen Aal an seiner Leine, dann schläft er ein paar Stunden auf
seiner Liege, die Köder sind im Wasser, die Sensoren wecken ihn, sollte etwas passieren, aber es passiert nichts.
Als wir ankommen ist er schon da, schon wohl installiert in seinem Arrangement aus rudimentärem Naturleben und Hightech Ausrüstung.
Wat habt ihr denn jetzt hier vor…fragt er, und er beschwert sich ein bisschen, als wir im Schilf neben ihm anlegen und unser kleines Zeltdorf auf dem Wasser und am Ufer entfalten. Die die dürfen dat, die kommen jedes Jahr…ruft die Nachbarin, die ihr kleines Haus auf der anderen Seite des Kanals hat. Ich bin berührt von dieser einfachen und bestimmten Aussage. Ich glaube, Georg auch. Ich kann es ihr schwer unauffällig über den Kanal zurufen, aber innerlich sage ich der Frau ganz leise aber nachdrücklich danke.

Gesprächsstückchen VI

Am Abend fragt der Angler nach einer 9 Volt Batterie. Das ist das erste Mal, dass er mit uns redet, so ganz normal, und ich bin richtig froh für genug 9 Volt Batterien vorgesorgt zu haben. Ich brauche welche für meine Show, hin und wieder muss ich sie wechseln, damit
die Musik nicht während dem Spielen aufhört, und ich gebe ihm gerne eine, ohne viel Aufhebens zu machen, aber in der Hoffnung dass es unser Nachbarschaftsverhältnis ein wenig mehr entspannt als es der Tag an sich im Vorübergehen könnte.
Am nächsten Tag spiele ich ein paar Noten Gitarre, eigentlich nur um das Instrument besser zu verstauen, aber ein paar Augenblicke darauf ist unser Nachbar der Angler da und sucht nach dem Instrument.
Willste nich noch wat klimpern…fragt er nach einem kurzen Gespräch, und ich nehme die Gitarre wieder heraus und klimpere gerne und ungeschickt darauf herum und wie erwartet hält er nicht lange durch, bevor er mich fragt, ob er spielen darf. Nur zu gern, und er nimmt sie und spielt Blues, nicht zum ersten Mal, gefühlvoll und routiniert, mit vielen hübschen Schnörkeln. Ich erkenne an seinem Spiel, dass er ein Plektrum benützen würde, wenn er eines hätte, und suche die kleine Plastikscheibe heraus. Er nimmt sie dankbar und spielt
und spielt und genießt es sichtlich.
Ick hab zu Hause och zwei Gitarren, eene zwölfseitije und eene Schibson SG. Aber ick hab ja keene Zeit mehr zum Jitarrespielen…sagt der Angler, der drei Tage und mehr ohne zu murren auf den Aal wartet, der nie kommt, als wäre er Estragon und Godot halt immer noch nicht da.
Anne und ich schauen uns an und sagen beide gleichzeitig und angestrengt nichts.

Mittwoch, 9. August 2023
Campingplatz Triangel

Experiment I

Man nehme einen großen Tisch, für einen Probanden reicht es aus, wenn er lang ist, wenn man zu zweit testen will, sollte man einen langen und breiten Tisch finden. Man lege sich, am besten im Schlafsack darauf, ein kleines Kissen oder eine gerollte Wolldecke unter dem Kopf sollten reichen, um für ein wenig Komfort zu sorgen. Dann nehme man vier Freunde, im besten Falle ohne Kreuzschmerzen, und postiere einen an jeder Tischecke. Man schließe dann die Augen. Sollte man Schwierigkeiten haben, die Augen geschlossen zu halten, kann man sich einen Schal oder eine Mütze übers Gesicht ziehen. Auf ein Signal heben die vier Freunde den Tisch sanft an. Während man versucht sich zu entspannen, beginnen die vier Freunde den Tisch sanft zu schaukeln, je nach gewünschter Wind- und Wellenlage etwas
mehr oder etwas weniger. Um das Gefühl für einen Katamaran zu entwickeln, müssen die jeweils zwei Freunde an der einen Seite des Tisches ihre Bewegungen ein wenig synchronisieren, falls der Wellengang in Längsrichtung zum Rumpf simuliert werden soll, sind es jeweils die zwei Freunde am Kopf- und Fußende. Einer der Freunde zeichnet verantwortlich für das leise Rauschen des Windes, die Gleichmäßigkeit mit der er sein Geräusch macht, dirigiert die Auf- und Abbewegungen der Anderen. Einer kann hin und wieder leise und anhaltend schmatzen und knabbern, falls ein Biber am anderen Ufer in die Simulation aufgenommen werden soll. Ein dritter kann hin und wieder leise plätschern, wenn Wellen sich am Ufer brechen, Vorsicht, auch hier müssen die Bewegungen angepasst werden. Der Letzte gibt durch die fernen Schreie eines Kranichschwarms auf Futtersuche, das Signal, das Experiment zu beenden, der Morgen ist angebrochen. Für eine realitätsnahe Boots-Schlaferfahrung sollte das Experiment zwischen sechs und acht Stunden dauern, danach kann getauscht werden.

Dienstag, 8. August 2023
Campingplatz Triangel

Tiere II

Die Schwalben fliegen so flach über den Kanal, dass hin und wieder ihre Flügelspitzen das Wasser berühren, kleine Kreise hinterlassend, manchmal fliegen sie so schnell an mir vorbei, dass ich ihrem Flug nur an diesen kleinen Kreisen folgen kann. Sie stoben hin und
her, und ich merke, dass ihre Flüge in Wellen kommen, manchmal sind ganz viele damit beschäftigt auf hundert Metern hin und herzufliegen, dann ist minutenlang keine einzige zu sehen.
Erst gegen Abend fliegen sie höher, jetzt vielleicht knapp zehn Meter über unseren Booten (was bedeutet das nochmal fürs Wetter morgen?). Hin und wieder entdecke ich die ein oder andere die taumelt und torkelt, ihr Flug ist weniger geradlinig, eniger zielstrebig, als wäre sie betrunken, und ich brauche eine kleine Weile um zu merken, dass das die ersten Fledermäuse sind. In fließender Überschneidung findet die Wachablösung statt, die Schwalben werden weniger und die Fledermäuse mehr mit dem sinkenden Licht.

Gegenstände III

Hin und wieder ist ein klagendes Ächzen zu hören, wie ein leidender alter Körper. Zum Glück ist es nicht dunkel, sonst würde es mir wohl kalt den Rücken runterlaufen. Nach und nach, und weil ich meine Sinne darauf schärfe, merke ich, dass es mit unseren Bewegungen
auf dem Bootssteg zusammenhängt, an dem unsere Reisetretboote angebunden sind. Nach noch eingehenderer Untersuchung komme ich der Ursache auf den Grund, glücklicherweise noch bevor die Nacht hereinbricht. Der Steg ist nicht auf Pfählen aufgebaut, sondern
schwimmt auf großen Aluminiumtonnen. Seine Enden sind aber an Stahlträgern gesichert, auf denen die Auf- und Abbewegung senkrecht geführt wird. Große harte Plastikkappen gleiten auf dem galvanisierten Stahl nach oben und unten, je nachdem wo sich die Personen
auf dem Steg bewegen oder befinden. Anscheinend fehlt ein bisschen Fett, was in dieser wasserreichen Umgebung auch kein Wunder ist, und die Reibung der Plastikkappe auf dem Stahl erzeugt dieses gruselige Geräusch.
Beim Einschlafen, jemand geht auf der anderen Seite über den Steg, erklingt das Geräusch wieder, aufgrund meiner Parkposition unmittelbar neben meinem ruhenden Kopf, und ich lächle im Halbschlaf, glücklich dem Ursprung dieses gespenstischen Geräusches auf die Schliche gekommen zu sein, bevor es meine Phantasie zu seltsamen Schlussfolgerungen verführen konnte.

Boote III

Es gibt nur einen kleinen hölzernen Anleger an unserer heutigen Station, also improvisieren wir, wild gestikulierend und uns zurufend, während wir unsere Boote im steifen Wind so weit voneinander fernhalten, dass sie in ihren wilden und eigenwilligen Bewegungen nicht
zusammenkrachen. Das Anlegen unter diesen Bedingungen ist gar nicht so einfach. Die Boote, die die Beiboote vor sich herschieben wollen, in dieser Brise nicht wenden, das Beiboot fängt von der Seite zu viel Wind, und wird zurückgedrängt, sobald sich seine Flanke
zur Windrichtung wendet, rückwärtsfahren ist gegen diesen Druck fast nicht zu machen, und so müssen wir schnell und sicher improvisieren um das Anlegen gleichzeitig zu organisieren und zu meistern.
Anne legt am gegenüberliegenden Ufer an, um Georg und mir, mit den schwereren Booten, Platz zu lassen unsere prekären Wendemanöver sicher zu vollziehen. Ich habe es geschafft zu wenden und steuere nun meinen Bug satt und absichtlich ins Schilf. Da ich den kleinen
Holzsteg nicht blockieren will, und das Ufer steil genug ist, lege ich mein Boot im Schilf an und überbrücke den Abstand zum Ufer mit einer kleinen Aluplanke. Später, alle Boote haben ihren Liegeplatz gefunden, schlagen Anne und ich meine Zeltplane auf um mein Boot vor dem nahenden Regen zu schützen. Die Wasserpflanzen und ihre Blüten stehen dicht an meiner Bordwand, ragen fast ins Boot herein.
Wollen wir Blumen auf dem Fensterbrett…frage ich und schließe die Pflanzen mit zu uns ins Zelt ein, …oder einen Vorgarten…?…füge ich hinzu und schließe die Plane, so dass die Blumen außen liegen. Wie ein kleiner Gartenweg führt meine Aluplanke zum Rasen am
Ufer.

Sonntag, 6. August 2023
Ragöser Schleuse

Wetter III

Es hat den ganzen Tag genieselt und jetzt ist die Sonne untergegangen und die Luft ist feucht und kühl. Dafür ist der Himmel jetzt klar und die gedeckten Farben leuchten noch einmal auf, während die ersten Sterne aufblitzen. Ich stehe auf einer offenen Fläche und sehe vor mir den ganzen Horizont entlang die Wolkenberge im Abendlicht leuchten. Ich drehe mich einmal um meine Achse und siehe da, in jede Richtung sehe ich am Horizont Wolkenberge, die sich mal höher, mal niedriger auftürmen.
Über mir klarer Himmel.
Frage. Stehe ich hier jetzt mit ganz Eberswalde in einem kreisrunden Loch zwischen sich stapelnden Wolken, in ihrem Zentrum Eberswalde wie im Auge des Hurricanes? Schöne Vorstellung. Später geht der Mond auf und taucht diesen Hexenkreis in sein blaues Licht.

Tiere I

Wir sitzen in einem Garten, unter Birken und kleinen Obstbäumen, hohen Ahornkronen mit Misteln in ihrem Blätterdach und einem kleinen Klarapfelbaum, der seine frühen, reifen Äpfel ins Gras fallen lässt. Wir sind über die kleine Rasenfläche verteilt und in verschiedenen
Stadien der Vorbereitung. Heute Abend sind Gäste geladen und jeder bereitet seinen Teil der Show auf seine Weise und in seinem ganz eigenen Rhythmus vor. Jemand liegt auf einer Decke in einem der so wertvollen, weil seltenen Sonnenstrahlen, jemand anders probt
Musik in einem der Nebengebäude, jemand tigert rastlos über den Rasen, ich kaue nervös auf meinem Bleistift, unsere Gastgeberin, die sowohl uns als auch das Publikum für heute Abend eingeladen hat, bereitet den Tisch vor, und ein Lagerfeuer, falls sich nach der Show
noch ein paar Leute um die Flammen sammeln wollen.
Da fallen aus dem Apfelbaum zwei Hornissen, bruchlanden auf einer Matte die auf der Wiese liegt und zur Rast einlädt, aber die beiden sind hier nicht zur Rast. Zu einem Knäuel ineinander verschränkt summen sie in erregten Flügelschlägen einen wütenden Ton, manchmal rollen sie über die Matte wie Ringkämpfer, die versuchen sich gegenseitig unterzukriegen, manchmal drehen sie sich aufgrund ihrer unkontrollierten Flügelschläge wie ein Kreisel auf der Stelle, ein bizarres schwarzgelbes Yin-Yang Zeichen formend. Kurzes Erstaunen lässt nacheinander jeden innehalten der das Spektakel entdeckt, aber wir sind alle beschäftigt und gehen weiter unseren Vorbereitungen nach. Zufällig ist in diesem Moment meine Vorbereitung hauptsächlich stationär, ich sitze an meinem kleinen Tisch, auf meinem kleinen Hocker, und entweder schreibe ich in meinem kleinen Notizbuch, oder ich spiele ein paar Noten auf meiner Gitarre. Deswegen kann ich fast ununterbrochen, minutenlang, den beiden bei ihrem Kampf zusehen. Zumindest falls es sich um einen Kampf handelt. Das Bündel aus zwei großen Insekten bewegt sich erstaunlich wenig von der Stelle. Auf der Bodenmatte die sich jemand zur Rast ins Gras gelegt hatte ist derselbe handtellergroße Fleck von zwei, bis an die Zähne bewaffneten Streithähnen belegt, die allerdings so konzentriert erscheinen, dass ich versucht bin zu behaupten, man hätte auf der restlichen, freien Fläche der Matte noch ungestört Yoga oder ein Nickerchen machen können. Ich versuche es nicht, ich bin ja beschäftigt.
Nachdem ich mindestens eine Seite meines kleinen Notizbuchs vollgekritzelt habe, noch ein weiteres Lied gespielt habe und noch ein paar Töne aufgenommen habe, die mir heute Abend helfen werden, Georgs Nummer zu begleiten, und als ich fast bereit bin aufzustehen
um ungestört Lampenfieber zu bekommen, erst dann fliegen die beiden Hornissen auseinander, erst ein paar Zentimeter, und dann in verschiedene Richtungen aber in denselben kleinen Apfelbaum. Wenige Sekunden später ist alles so, als wäre nichts gewesen.

Wetter IV

Der Regen fällt auf das unbewegte Wasser des Kanals und zeichnet tausende kleine Kreise, Cluster aus verschiedenen glitzernden Ovalen die meinen Blick immer wieder anziehen und nicht mehr loslassen, an den schwarzen Schattenrändern der Bäume entlang glitzern die
Tropfen im etwas fahlen Sommerlicht. Georg und ich spielen Hüttenbauen, mit unseren Seilen und Planen, unter den zwei großen Fichten am Wasser. Hier noch ein Knoten, da noch ein unterstützender Fuß, unser Unterstand wächst in die Breite und in die Höhe und leuchtet im warmen Rot ein bisschen Wärme in den grauen Tag. Bei den seltenen kleinen Windstößen schüttelt sich die ganze Konstruktion wie ein sanfter schüchterner Hund und kleine Tropfen stoben in alle Richtungen. Wenn es noch lange regnet wächst unser Dach vielleicht über die ganze Schleuseninsel…

Gesprächsstückchen IV

Ich habe dem Rentner, der hier sein Nachmittagsbier trinkt, zwei Postkarten gegeben. Postkarten von meiner Show, eine für ihn und eine für den jungen Obdachlosen mit dem ich viel geredet hatte, der aber gerade nicht da ist. Sie haben sich die Show letzten Samstag zwar nicht wirklich angesehen, aber sie haben gesehen, wie sich der Anleger mit Leuten gefüllt hat und waren wohl zu schüchtern um sich wirklich anzunähern, ein bisschen was werden sie schon gehört haben, und ein bisschen was erspäht, an den Köpfen der Anderen vorbei.
Als wir wieder auf den Booten sind und an ihrer Bank vorbeigleiten ist der junge Mann wieder da und hält die Postkarte hoch. Die häng ick mir anne Pinnwand…ruft der junge Obdachlose, und ich verbringe noch viele Minuten ruhige Kanalfahrt damit, mir daraus verschiedene Bilder zu formen.

Mittwoch, 2. August 2023
Bootsanleger an der Halbinsel

Unternehmungen II

Manche von den Leuten am Markt im Brandenburgischen Viertel kenne ich jetzt seit zwei Jahren und freue mich sie wiederzusehen und unsere Begrüßung ist herzlich und froh. Ich spiele meine Raubtiergeschichten für die Helle Stunde und ich bin nervös wie in einem Theater mit 500 Sitzplätzen. Das Publikum ist auf eine kuriose Weise diszipliniert und undiszipliniert gleichzeitig. Einige sind schon 45 Minuten vorher da und haben ihre Plätze eingenommen die sie nicht mehr verlassen werden, bis um 12 Uhr Udo seine Abschiedsworte an
die Versammlung richten wird, Andere sind mal kurz da, dann wieder weg, sprechen mich während der Vorbereitung unablässig an (und während der Show fast nicht weniger), während die ersten ihnen dann gelegentlich ein leises Pssst zuraunen.
Jeder scheint sich zu kennen, Familienhintergrund, Wocheneinkäufe und Essensvorlieben inklusive. Ich bekomme eine kleine gehäkelte Katze geschenkt und freue mich sehr. Die Zeit vergeht schnell und nach der Show hätte ich gerne in Ruhe noch mit ein paar Leuten geredet, die dageblieben sind und unter den jungen Bäumen mit mir sitzen. Der Finowkanal ist weit weg und ist doch mein Grund hier zu sein. Ich sehe mir noch die Bilder an, die in der Galerie Fenster hängen. Unterwasser fotografierte Seerosen und Schilfgräser. Zeit wieder ans Wasser zu kommen.

Boote II

Das Abendessen auf dem Anleger ist vorbei und abgeräumt, die Sonne ist untergegangen und unter unserem Planendach verschwimmen die Gesichter zu Schatten. Eine Hälfte unsere Gruppe sitzt ins Gespräch vertieft. Der Wind rauscht in den Baumwipfeln, hin und wieder bauscht sich unser Dach auf und alle Blicke heben sich kurz.
Ich nähere mich meinem Zelt um mein Nachtlager vorzubereiten und halte inne. Von innen klingt Gesang. Ich teile mein Zelt mit Anne und zusammen mit Mela, Lea und Ursula proben sie ein vierstimmiges Lied. Ich lausche kurz, im Hintergrund rauscht das Wehr, sonst liegt der Kanal still. So wenig Worte, um zu beschreiben, was alles in diesem Moment passiert. So viele Worte, um diesen einfachen Moment zu erzählen.

Gegenstände III

Holunder ist innen weich, leicht auszuhöhlen, Georg sitzt mit einem Stück Draht und einem kleinen Holunderästchen in der Hand vor einem unserer Öfen und schiebt immer wieder das Stück Draht in die Glut, um es zu erhitzen, dann steckt er die heiße Drahtspitze in das entstehende Rohr um die letzten Reste des weichen, schwammigen Inneren aus dem Holz zu lösen. Unser Feuerholz ist, wer hättet das gedacht, tendenziell etwas feuchter als in den letzten beiden Sommern, und um die Glut in den Ofen wieder zur Flamme entfachen zu können schnitzt Georg aus dem Holunder Röhrchen um in die Glut pusten zu können. Am Schluss schnitzt und brennt er in die fertigen Röhrchen kleine Muster, nichts ist schneller passiert, als dass man vor dem Feuer sitzend, mit einem kleinen trockenen Holzstab als Werkzeug, aus Versehen sein Werkzeug in die Flammen wirft, die man damit entfacht hat…

Dienstag, 1. August 2023
Bootsanleger unterhalb der Drahthammer Schleuse

Unternehmungen I

Die Sonnenstrahlen glitzern auf dem Fluss und der leichte Wind schüttelt hin und wieder eine Wolke vorbei, die schon anfängt goldgelb zu leuchten. Das leichte Aluminiumboot, dass wir als Toilettenboot und Materialponton nutzen, dient Georg auch dazu, schnell überzusetzen, wenn die Katamarane als Hausboote betucht am Anleger liegen. Achtern steht Franziska, handtuchbedeckt und entschlossen nach vorne blickend, auf dem schaukelnden Kahn.
Das Gras ist am anderen Ufer grüner und das Wasser dort bestimmt sauberer haben die beiden beschlossen, und rudern zum Badeausflug etwa hundert Meter flussaufwärts, der sinkenden Nachmittagssonne entgegen. Am dortigen Holzsteg vertäuen sie das leichte Schiff und ich verliere sie aus dem Blick.
Als meine Aufmerksamkeit sich wieder auf sie richtet ist das kleine Boot schon voll mit trockenen Ästen, hoch gestapelte leichte Last. Totes Holz, das noch nicht am Boden lag und seinen Brennwert behalten hat, wertvoll an diesen nassen Tagen, so dass selbst der Badeausflug nicht ungenutzt verstreichen kann, und das Boot auf seinem kurzen Rückweg vom Lustwandlerschiffchen zum Lastkähnchen geworden ist. Das Handtuch weht unverändert sorglos in der gesättigt sinkenden Sonne.

Wetter II

Der Balg ist aus Papier…hat Anne noch vor ein paar Minuten über ihr Akkordeon gesagt. Es ist heute nicht immer klar, ob es gerade regnet oder nicht. Ich sitze in der Sonne und genieße ihre Wärme auf meinem Gesicht. Ich stelle meine Tasse ab und gehe drei Schritte über den Anleger, die Bretter sind nass und glitschig. Ich gehe auf beide Knie, um nicht abzurutschen, beuge mich nach vorne, um im kleinen roten Boot nach etwas zu greifen, mein Hemd rutscht hoch und gibt ein bisschen Rücken frei. Nasser Regen fällt darauf und lässt mich erschauern, während ich das Gesuchte nicht finden kann läuft mir der Regen in Hemd und Hose und ich friere. Als ich mich wieder aufrichte, ist auf dem Wasser des Kanals kein Tropfen zu sehen. Die Luft ist klar, die Sonne scheint.
Jetzt stehen Anne und Ursula vor uns und beginnen ein Lied zu spielen. Weil kein Regen gefallen ist, haben sie dazu unser Zelt verlassen, dass wir auf dem Anlieger aufgespannt haben, um ein Dach für uns alle zu haben. Ich sitze ein bisschen abseits, nicht ganz unter dem Dach unter dem sich die Anderen versammelt haben, und trotzdem bemerken meine Augen den Regen, mehr als dass ich ihn auf mir spüre. Ein Schleier vor dem Hintergrund der sich wiegenden Bäume am anderen Ufer. So plötzlich da, als hätte er sich übers Bild gelegt, anstatt
vom Himmel zu fallen.
Anne und Ursula stehen von ihrem Hocker wieder auf, Mela ist schon aufgesprungen um ihnen zu helfen ihre improvisierte Bühne unter das schützende Dach zu verrutschen, einmal durchatmen, das Lied geht weiter. Der Schleier lüftet sich, senkt sich wieder, mal heller mal dunkler, mal senkrecht mal waagerecht gewoben, während die Nacht über dem Fluss hereinbricht.

Gegenstände II

Der Teddybär war baden. In seiner Ansprache zu Guten Morgen Eberswalde hat Georg dem Publikum davon erzählt und eine Großmutter mit ihren Enkelinnen hat das Plüschtier mit nach Hause genommen. Jetzt sind sie wieder da. Der Bär riecht jetzt nach warmem Wasser und Seife. Die Enkelin, die ihn uns mitgebracht hat, hat das ganze Programm lang auf die Trommel und durch die Scheibe geblickt. Sichtlich entspannter verfolgt er unsere Abreisevorbereitungen und legt sich rechtzeitig in das kleine rote Boot, ein Buch in den Pfoten, aber ich glaube er ist nach wenigen Seiten eingenickt, vom leichten Schaukeln in einen leichten Schlaf gewiegt.

Sonntag, 30. Juli 2023
Bootsanleger am Familiengarten Eberswalde

Gesprächsstückchen I
Du bist ja gar nicht böse, ich hatte Angst Dir hallo zu sagen…sagt das junge Mädchen, nachdem Georg und ich ihr und ihrer Freundin gestern 20 Minuten Handstandunterricht gegeben habe, sie mir heute meinen Haarspiess aus den Haaren geklaut haben und dann verlangt haben, dass ich ihnen einen Stock schneide den sie auch so schnitzen können.
Seitdem schnitzen sie und schneiden sich fleißig in die Finger dabei und sind generell total unerschrocken. Es bringt mich ein bisschen zum Weinen, dass ihr großer erwachsener Bruder ihnen verbietet mit uns Fremden zu reden. Sie tuns trotzdem. Ich schenke ihnen kleine
Stücke Glaspapier, damit sie ihre Stöckchen schön glatt machen können. In ihren Fahrradkörben schaukeln sie wie kleine gelbe Origamiblumen.

Gegenstände I

Er liegt am Stadtanleger als wir ankommen, ein großer alter Teddybär, braun und mit kleinen Kulleraugen, groß wie ein Grundschüler, allerdings völlig erschöpft und wahrscheinlich betrunken. Er liegt flach auf dem Rücken ausgestreckt, ist völlig apathisch und reagiert zuerst nicht auf unser Auftauchen. Später sitzt er etwas zerzaust auf den großen Betonstufen, der Kopf sackt ihm immer wieder ein bisschen auf die linke Schulter, und er hat Schwierigkeiten uns klar zu sehen. Nach und nach erholt er sich ein bisschen, nickt nur hin und wieder ein, das Kinn auf der Brust, ist inzwischen aber generell ansprechbar.
Er hört zu und beginnt zu verstehen, dass wir auf dem Fluss reisen und Musik und Theater machen, und warmes Essen und Tee. Manchmal leuchten seine Augen und er beginnt sehnsüchtig auf die Boote zu schauen. Aber er ist noch ein bisschen verschämt in seinem
besudelten Fell und mit seinem schmerzenden Kopf.

Wetter I

Die Luft ist feucht und schwer, Wolken schmieren über den Himmel wie viele Schichten Ölfarben, mal mehr und mal weniger zu grau verlaufen, mal ein bisschen blau und mal ein bisschen weiß. Als der Abend kommt und das Sonnenlicht von der Seite scheint, entsteht
in diesem verschwommenen, nassen, diffusen Bild wieder ein bisschen Tiefe, ein neues Relief, manche Wolken sind turmhoch, andere sind große ausgedehnte Flächen, fast homogen, dazwischen Risse und Spalten, wie in einem schweren, himmlischen Alpengletscher.
Ein besonders oranger Sonnenstrahl schießt direkt aus dem Horizont hervor und erleuchtet einen Streifen Himmel, fast vertikal. Ein Spotlight, dass die verschiedenen Wolkenetagen nach oben klettert und von jeder ein kleines Stück ausschneidet, wie aus einer Torte.
Mandarinenstücken und Zitronencreme. Alles mit Rosenwasser eingefärbt.
Es blendet nicht.

Gesprächsstückchen II

Ich gebe acht auf Euch…sagt der junge Mann am Stadtanleger. Vor einer Stunde hat er noch laut seinen Frust in den Abend geschrien, er sitzt auf den Stufen und weint laut, er trinkt eine Flasche Bier und dann die nächste, er sagt den Leuten die vorbeikommen dass sie keine Angst zu haben brauchen, Angst vor ihm. Er hat selber Angst. Er hat Angst vor seiner Schwester, der er einen blauen Fleck an seinem Arm zuschreibt, er hat Angst vor der Polizei, denen er die Wunden an seinen Handgelenken anlastet, er hat Angst und ist traurig und frustriert. Er zittert, er schreit. Ich schlage ihm vor ein Lied zu spielen, Blues, auf der Gitarre. Ich brauch kein Lied…schreit er, und er hat recht. Er schreit mir ins Gesicht, dass er immer herhalten muss, als Sündenbock, wenn wieder was passiert, dass er leidet, wenn er wieder in Die Abteilung eingeliefert wird, dass er nicht mehr leiden will, dass er nur in Ruhe sein Bier trinken will.
Ich schaue ihm hin und wieder ins Gesicht, meistens in den Fluss. Irgendwann sitze ich neben ihm. Er erzählt schlimme Geschichten aus seinem Leben, aber seine Stimme wird langsam leiser, langsam ruhiger, seine Lippen entkrampfen sich, seine Augen öffnen sich
langsam. Wir schauen auf den Fluss. Ich muss jetzt wirklich Gitarre spielen…sage ich. Spielst Du mir ein Lied…fragt er, und eine Stunde lang sitze ich mit ihm und der Gitarre und bald auch mit Melk und Lea und ihren Instrumenten und Stimmen. Weich wird der junge Mann, weich und jung, mit kindlichem Blick, er schaut uns an als wären wir von einem anderen Stern, er schaut aufs Wasser. Ich gebe acht auf Euch…sagt er, als wir irgendwann ins Bett gehen, und ich zweifle nicht an
seinen Worten.

Boote I

Das Antriebsruder ist an der Antriebsstange mit einem Splint festgemacht. Eine von diesen Locken aus festem Draht, martialisch galvanisiert, ein zuverlässiges Stück. Wir benutzen viele davon, in diversen Größen und verschiedenen Positionen. Diesen einen muss ich lösen, jedes Mal wenn ich gefahren bin und die Ruder benutzt habe und dann den Antrieb abbaue, um den Boden zu verschließen und das Boot für die Nacht vorzubereiten.
Jetzt bin ich seit fast einem Jahr nicht mehr mit diesem Boot gefahren, ich habe ohne zu überlegen darauf vertraut, dass ich es nun ja schon mehrmals gemacht habe und deswegen habe ich nicht explizit geübt, habe nicht innegehalten, um mir die Benutzung der verschiedenen Bootsteile nochmal in Erinnerung zu rufen, habe einfach gemacht. Das hat mich schon ein wichtiges Teil gekostet, einen Zeltfuß, zum Glück ein sehr unkompliziertes Teil und es ist in wenigen Handgriffen aus einem trockenen Ahornast ein Ersatzteil geschnitzt, und jetzt ist mein Kopf müde von der latenten Überforderung, die ich mir nicht eingestanden habe und der ich nicht Rechnung getragen habe. Der Splint ist klein, das kleinste Modell auf unseren Booten, ich kann mein erstes Zeigefingerglied reinstecken, und muss das auch tun, ich brauche einen Ruck und ein bisschen Kraft um ihn zu lösen. Jetzt steckt der Splint auf meinem Finger fest, meine andere Hand hält das gelöste Ruder und kann nicht helfen, meine Augen schauen verständnislos auf dieses Arrangement, es schmerzt nicht so arg, aber doch genug, um meinem Kopf zu sagen, er soll so schnell wie möglich eine Lösung für dieses doch offensichtliche Problem finden. Der gerät in Panik und selbst als die linke Hand das Ruder sicher abgelegt hat, bin ich noch unschlüssig, was ich tun soll. Wahrscheinlich dauert alles nur ein paar Sekunden, aber es kommt mir wie Minuten vor, bis eine tiefe, urzeitliche Schicht meiner Gedanken den Selbsterhaltungstrieb organisiert hat, von meinem Bewusstsein erstaunt begutachtet. Dann greift die linke Hand nach dem Splint und nimmt ihn von der Fingerkuppe. Es gibt keinen Widerstand, es geht ganz einfach. Ich muss ein bisschen grinsen und bin dann erschöpft.

Gesprächsstückchen III

Darf ich mal was fragen…sagt der junge Mann auf seinem Fahrrad. Er hat nur kurz angehalten, es ist schon dunkel und er muss offensichtlich noch wohin. Ich steige gerade in mein Boot und verstaue die letzten Sachen, die von uns noch auf den Stufen des
Stadtanlegers verteilt lagen. Er ist nicht aus Eberswalde, ich verstehe nicht wo er herkommt, aber wie er es sagt, erinnert mich daran, wie ich meine Herkunft vom Dorf ausgesprochen habe. Der Ortsnamen wird zwar ausgesprochen, aber da sowieso nicht erwartet wird, dass dieser ein Erkennen auslöst, wird er ein bisschen ausgeatmet, wenig artikuliert.
Ich war glücklich vom Dorf zu sein, aus einem Weiler, mitten zwischen Wäldern, aber in der nahen Stadt fühlte es sich unnötig an, den Namen zu erwähnen. Aus einer gewissen Perspektive scheint die Ortsangabe „vom Dorf“ genauer zu sein, als die Benennung desselben.
…seid ihr hier aus Protest? Als ich verneine, will er gar nicht mehr wissen. Keine weiteren Fragen Euer Ehren, mehr interessiert ihn nicht. Ist er enttäuscht? Erleichtert? Hätte er sich für den Grund des potentiellen Protests interessiert? Ich weiß es nicht. Sein Rücklicht klappert ein bisschen aber sein Fahrrad hat jede Menge Gänge, die ich klackend einrasten höre.

Festival der leisen Gesten 2022

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Newsletter next 7/2022
Anfang August 2022

Das Festival der leisen Gesten ist auch 2022 wieder auf dem Finowkanal unterwegs. In unserem aktuellen Videonewsletter stellen wir das Unterfangen kurz vor. U.a. sind wir im Gespräch mit Initiator Georg Traber.

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Logbuch des Reisenden Julian Bellini

Der Mann mit der Nelkenzigarette
 
Fotos: Torsten Stapel 
 
Als ich endlich ins Wasser steige, ist es fast ein Gefühl der Erleichterung. Es war nicht so heiß heute, es war keine körperliche Erleichterung, es war die Erleichterung, dass der Fluss noch derselbe ist. Natürlich ist Heraklit auch in Finow gewesen und hat auch hier eingeführt, dass man nicht in zweimal in den gleichen Fluss steigen kann. Aber wiedertreffen kann man ihn, wie einen teuren Freund, und der Fluss weiß auch, dass ich nicht derselbe bin wie letztes Jahr.
 
Der alte Mann mit der Nelkenzigarette kichert, als ich ihm das erkläre, bis zur Hüfte im Wasser, mit den Füssen nach Balance auf einem rauen Stein suchend. Natürlich ist er nicht wirklich da, ich stelle ihn mir vor, auf einem Klapphocker auf dem Steg, das Hemd mit den hochgerollten Ärmeln, die grauen Haare kurz geschnitten, die Augen zusammengekniffen, vielleicht beißt ihn der Rauch seiner Zigarette, und eben dieser Geruch. Süß riecht das, und wie etwas Altbekanntes, dem man aber nur selten begegnet. Er sieht mir zu, wie ich mit Seife meine schwarzverkrusteten Hände und Unterarme wasche. Natürlich bemerkt er, dass die Seife wieder an derselben Stelle liegt wie letztes Jahr. Was ist das jetzt, fragt er, Logik, weil das wirklich von allen Plätzen an die man ein Stück Seife legen könnte, der Beste ist, oder einfach sentimentaler Quatsch, die Seife liegt da, weil sie da letztes Jahr lag. Ich versuche eine Antwort, ich habe die Seife da gar nicht hingelegt, nicht heute und nicht letztes Jahr, aber er hört mir gar nicht wirklich zu. Er schaut den Mond an. Eine feine Sichel, so fein, dass nur noch ein winziges Stück übrig ist, wie ein kleines Küchenmesser, unzählige Male geschliffen und bald braucht man ein Neues, weil von der alten Klinge nicht mehr viel übrig ist. Ich schaue in die Richtung und staune über den orangenen Abendhimmel, aber ich lasse mir nichts anmerken. Ich will nicht schon wieder irgendeinen sentimentalen Quatsch sagen.

Er ist schon den ganzen Tag da. Er weiß, wie wir letztes Jahr unsere Boote zusammengeschraubt haben, um sie in diesen Fluss zu rollen, und er sieht, dass wir seitdem ein bisschen gelernt haben. Er nickt fast unmerklich, wenn er sieht, dass es diesmal doch schon ein bisschen besser geht. Er sieht alles was wir seitdem ausgebessert haben, welche provisorischen Lösungen wir einfach beibehalten haben und welche neuen Gerätschaften wir stolz auspacken. Auch Georg und ich können uns neue Sachen zeigen, Prototypen, in unseren trockenen Werkstätten gebastelt, wo die Vorstellung vom Fluss so abstrakt ist das man ein bisschen nervös wird, wenn man sie ins Wasser lässt. Absurd scheint es mir manchmal, wochenlange Bastelei, im verschneiten Winter oder in der brütenden Sonne, aber immer in den flussfernen Bergen, als Maßstab für die Tauglichkeit meiner Konstruktionen muss ich fast selber mein Logbuch vom letzten Jahr lesen, so fern scheint selbst die Idee einer Kanalreise. Eine unmögliche Wette scheint es zu hoffen, dass die dort gefundenen Lösungen hier tatsächlich funktionieren sollen. Gleichzeitig fühle ich eine ganz ruhige Vorfreude, eine entspannte Gespanntheit, ein Vertrauen, dass vor uns eine kleine Reise liegt die wir meistern und bestenfalls sogar genießen können.
 
Anne ist zu uns gestoßen und lernt unsere Boote und unsere Holzöfen kennen. Sie lacht über die Unmöglichkeit ihre Taschen für eine Reise zu packen von der sie nichts kennt außer ein paar Fotos und ein paar Zeilen. Sie hat recht denke ich, und Georg und ich wissen auch nicht viel mehr…
Weniger müde seht ihr aus sagt er, und wirft seine Zigarettenkippe weg. Wie? weniger als letztes Jahr? frage ich, und suche in meiner Erinnerung wie müde ich wohl vor einem Jahr war. Nee, weniger als gestern, sagt er, und er hat recht. Er bleibt nicht, als wir uns zum Abendessen setzen, überhaupt ist nicht viel los am Abend hier am Wasser, er hebt nur die Augenbrauen zum Gruß, und seine Stirn kräuselt sich wie das Licht das, vom Hafenbecken reflektiert, über die Zeltdächer unserer Boote streicht. Schön sieht das aus, und zart, und die feinen Lichtstreifen steigen nach oben, keine Ahnung wieso das so ist und nicht anders. Bestimmt ein gutes Zeichen, sage ich zu Heraklit, aber der nimmt mich nicht ernst undschaut dem stillen Fluss beim Fließen zu.

Der Junge mit dem Eisstiel im Mund

Fotos: Torsten Stapel

Zeit genommen, mit Moe eine Runde Boot gefahren. Ich erinnere mich ans Kennenlernen
des ungewohnten Fahrgefühls, der mir neuen Steuerung, der Koordination des Antriebs und
der vielen kleinen Handgriffe. Wir streifen die Seerosen beim Wenden, wir fahren im
Zickzack, vorwärts und rückwärts, macht nichts, kein anderes Boot weit und breit zu sehen,
niemandem dem wir in die Quere kommen könnten. Bevor wir wieder anlegen noch ein
kleiner Abstecher zu den großen Brombeersträuchern am Wasser. Die zusätzliche Sonne
die sie zugespiegelt bekommen, haben viele Früchte reifen lassen und wir stehen kippelnd
auf dem Boot und auf den Kisten um an die höheren Äste zu kommen, halten uns mit dem
Bootshaken an den Ranken fest und sammeln Hände voller Beeren die wohl nicht oft gepflückt werden.

Nochmal Zeit genommen, spazieren gegangen, alten Backsteinen beim älter werden zugesehen. Kleine Innenhöfe mit Holztoren und schiefen Dachschindeln, weicher Kies unter meinen Fahrradreifen. Eine Stadtlandschaft wie Burgen aus meinen Kinderfantasien. Das große Lächeln auf meinem Gesicht wird fast schon offensiv. Ich glaube ich genieße den Tag so sehr, dass ich damit die Frau erschreckt habe die mir gerade entgegen gekommen ist. Ein Mann legt den Kopf auf sein Fensterbrett, er hat extra ein Kissen untergelegt. Der warme Tag lässt die Sonne auf seinen Kopf rieseln. Er hebt nur kurz den Blick als ich vorbeizische.

Mit Schwung komme ich zurück auf den Treidelweg und schieße übers Ziel hinaus, an meinen Kollegen vorbei, das gespiegelte Auge der Teufelsbrücke zwinkert mir zu und schickt mich weiter. Auf dem Fluss paddeln junge Frauen in mehreren Kanus und lachen sich zu. Ich überhole sie und flitze an den Gärten vorbei, ein Mann streicht sein Tor, eine
Frau schiebt den Motormäher über den Rasen, unzählige Sonnenblumen versuchen ihre
schweren Köpfe abzustützen und ich möchte ihnen das Kissen unterschieben das dem
Mann vorhin so gute Dienste geleistet hat.

Der Junge mit dem Eisstiel im Mund sitzt auch auf einem Fahrrad. Er hat seinen Fuß auf einer Bank abgestützt und schaut konzentriert aufs Wasser. Ich halte an, wahre ein bisschen Abstand, seine Spannung macht mich neugierig, so konzentriert und gespannt wie er auf seinem Fahrrad sitzt. Die Kanus mit den gut gelaunten Besatzungen kommen um die Flussbiegung und der Junge setzt sein Fahrrad in Bewegung. Betreten verboten steht auf dem Steg der an dieser Stelle ins Wasser ragt. Er betritt ihn auch nicht. Er fährt Vollgas darauf zu und darüber, bremst nicht ab, schießt über die wenigen alten Bretter und dann über die Spitzen des Schilfgrases, kurz sehe ich sein Spiegelbild im Wasser, das noch ganz still daliegt. Dann zersplittert die glatte Oberfläche und ohne eine Miene zu verziehen tauchen Fahrrad und Junge ein und unter. Die Kanus haben noch gar keine Zeit gehabt anzuhalten oder irgendeine Reaktion zu zeigen. Der Junge steigt neben dem Steg aus dem Wasser und zieht sein, zugegeben, leichtes Fahrrad hinter sich her. Der Eisstiel steckt immer noch in seinem Mund, heimlich grinst er jetzt, kichert vielleicht sogar. Klatschnass schwingt er sich auf sein Rad und fährt gemächlich und ein bisschen schaukelnd an mir vorbei. Der kurze Blick den er mir zuwirft blitzt ein bisschen verschworen. Seine Tropfenspur begleitet mich zurück an unseren kleinen Zeltbooten, die unter den großen Erlen ruhig im Wasser liegen. Er hat hier wohl noch kurz angehalten, vielleicht um Anne, Moe und Ursl zuzuhören, die auf ihren Instrumenten leise improvisieren. Georg ist in Gespräche mit Leuten verwickelt, die auf dem Treidelweg vorbeikommen und Zeit haben um ein wenig neugierig auf uns und unser Projekt zu werden. Zeit genommen um wieder hier zu sein, Zeit genommen um Zeit hier zu verbringen. Zeit bekommen. Hier. Jetzt.

Die Frau mit den Wäscheklammern am Badeanzug

Fotos: Torsten Stapel 

Ich halte Bootswache. Die Kollegen sind im Brandenburgischen Viertel auf dem
Wochenmarkt. Ola und Mauricio, die noch zu uns gestoßen sind und unsere kleine Truppe
vollzählig machen, sind mit den Fahrrädern unterwegs, um ein bisschen die Gegend zu
erkunden und dann die Helle Stunde auf dem Markt zu erleben.

Der Schleusenwärter kommt extra vorbei um zu sehen ob alles in Ordnung ist, ob und wann wir die malerische Schleuse zum Runterfahren nutzen wollen und um kurz über die Arbeiten an der Hebebrücke zu reden. Ich bin dankbar, dass er mir erlaubt mit unserer kleinen Flotte einen Morgen lang den Anleger der Schleuse zu nutzen. Jetzt und ganz alleine wäre es sehr aufwändig und schwierig gewesen den ganzen Haufen Boote zu bewegen. Ich fühle mich schon mit dem Haufen Geschirr und Frühstücksvorräten der noch beim Anleger liegt
überfordert…

Es ist noch nicht elf Uhr aber schon sehr heiß und ich nutze einen kleinen Fleck Schatten um ein paar Übungen zu machen. Wieder Sonnenblumen, in den kleinen Gärten, aber auch am Weg und am Wasser, gut gepflegt und gegossen leisten sie den Kürbis- und Zucchiniranken Gesellschaft und leuchten in der heißen Luft. Die Frau im Badeanzug ist auf der anderen Seite der Hecke und wir kommen ins Gespräch über die Bienen die unermüdlich über den Zaun hin und herfliegen und jede der großen Blüten sehr sorgfältig nach Nektar absuchen. Während wir reden geht sie unablässig zwischen ihrer schattigen Terrasse und ihrer bunten Wäschespinne hin und her, sie tastet jedes Kleidungsstück ab, im Minutentakt, und entscheidet jedes Mal welches just in dem Moment trocken genug ist, um in einen sauber gestapelten Korb gefaltet zu werden. Jedes Mal, wenn ein neues buntes Hemd, oder eine Hose abgehängt wird, klemmt sie sich die Wäscheklammern an den Ausschnitt ihres Badeanzugs, bald hat sie einen aufwändigen, ägyptisch anmutenden Halsschmuck der zu ihren Schritten leise klappert. Ich spreche es nicht an, aber sie scheint mir, in ihrer unablässigen Beschäftigung, meinen eigenen Müßiggang nicht übel zu nehmen und hält mit mir inne, Gespräch und Bewegung abrupt unterbrochen, als der Specht in der ausladenden Eiche über unseren Köpfen leise zu klopfen beginnt.
Fleißig, die Tiere, nicht? fragt sie rhetorisch und kehrt zu ihrer Wäscheblume zurück, an der jetzt nur noch wenige Farbtupfer hängen. Das mag ich so hier, fügt sie hinzu, hier ist immer was los. Ich werfe unwillkürlich einen Blick nach links und nach rechts, auf den Weg auf dem seit Sonnenaufgang drei Autos im Schritttempo gefahren sind, und den Kanal der spiegelglatt auf die nächste Schleusung wartet. Ja sage ich, etwas unsicher, aber in dem Moment fliegt ein Kormoran ganz dicht an der Wasseroberfläche vorbei und die Blässhühner flattern auf ihren Ruheplätzen auf den umgefallenen Baumstämmen. Ja, sage ich nochmal, hier ist immer was los. Ich kann nicht anders als mich zu fragen ob ihre Bemerkung eine Aufforderung an mich war, und ich bin zugegebenermaßen ein bisschen erleichtert als ich sie später am Vormittag ruhig in einem Sessel im Schatten sitzen sehe. Ihr Blick ist immer noch genauso friedlich und ihr Körper immer noch genauso entspannt wie vorhin.

Die alte Frau mit der Ente unterm Arm

Fotos: Torsten Stapel

Vorhin hab ich sie schon einmal gesehen, durch den sandigen Boden des Wegs am Kanal
ist sie in Richtung Schleuse gegangen, jetzt kommt sie zurück und bleibt stehen als sie an
unseren Booten mit ihren bunten Zelten vorbeikommt. Sie hält die Ente unterm Arm wie
einen kleinen Hund, manchmal streicht sie ihr mit der Hand sanft über den Kopf.
Nachdem ich sie schon vorhin unbeantwortet gegrüßt hatte, und ihr nun auch wieder Hallo
gesagt habe ohne eine Reaktion zu bekommen, verstreichen nun lange Momente in denen
wir uns sozusagen gegenüberstehen ohne dass sie von mir Notiz zu nehmen scheint.
Wenn ich Euch so sehe habe ich Lust das auch zu machen, sagt sie unvermittelt und eher
vage in meine Richtung. Das freut mich, sage ich und drehe ihr den Kopf zu. Ja, das würd
ich auch gern machen, aber richtig, meint sie. Ich unterdrücke ein kleines Lachen. Mein
Neffe, der wohnt jetzt schon so lange am Kanal, und da kommen immer Leute aus Berlin,
und die legen dann direkt bei seinem Haus an, erzählt sie, und aus ihrem Ton erwarte ich
dass diese Leute aus Berlin Pest und Cholera bringen, oder zumindest in die Büsche
pinkeln, zu laut Musik hören und ihren Müll nicht mitnehmen. Und jetzt ham sie sich ein
neues Boot gekauft und haben ihm das Alte geschenkt, zehn Meter ist das lang und drei
breit, grad isser am Werbellinsee damit, da hätten sie locker noch so‘n Sechser für haben
können.

Ich verstehe nur mit ein bißchen Verzögerung, signalisiere dann Interesse. Ja, meint sie, wenn ich könnte, würd ich das immer machen, so aufm Wasser ist doch schön. Ja, mit ihrem Neffen, meine ich, warum nicht. Nee, weil dann ist sie so krank, wenn sie früher immer in Urlaub nach Schweden gefahren ist, dann war das mit der Fähre – seekrank, danach zwei Wochen krank im Urlaub, dann Fähre zurück, und nochmal zwei Wochen krank. Ich muss unwillkürlich wieder lachen. Sie sieht mich ein bisschen vorwurfsvoll an, auf meine Nachfrage sagt sie, ja, sie sei oft in Schweden gewesen, schönes Land sei das, und streicht der Ente unter ihrem Arm zart über den Kopf. Auf dem Boot, da ist richtig Platz zum Schlafen und zum Kochen, ein richtiges kleines Haus ist das, mein sie, die Ente schließt die Augen und legt ihren Schnabel gegen die dünne Jacke die die Frau trägt.
Wir schlafen auch auf den Booten, sage ich, und ernte einen zweifelnden Blick, mit dem sie meine Maße zu nehmen scheint, und beschließt, dass ich sicher nicht ins Innere eines unserer kleinen Katamarane passe. Sie schüttelt den Kopf. Die Ente auch. Und wir kochen auch hier, mit einer vagen Handbewegung deute ich auf Mauricio und Ola die an unseren kleinen Reiseöfen ein Mittagessen zubereiten. Ja, fünf Leute passen auf das Boot, grade sind sie mit den Kindern auf dem Werbellinsee, ignoriert sie meine Antwort.

Wofür haben Sie eigentlich die Ente unter Arm? Da blickt sie mir das erste Mal direkt in die Augen und langsam öffnet sich ihr Gesicht zu einem warmen großen Lächeln. Kleine Falten um ihre Augen und ihre Nase, die schon in ihrem Mädchengesicht mitgelacht haben müssen, eine Strähne aus ihrem Haar weht ihr ins Gesicht. Ihre Hand räumt vorsichtig den Entenfuß, der entwischt war, wieder auf, dann
streicht sie sich die Strähne aus den Augen. Das ist was Schönes, was Sie da machen, sagt sie, was ganz Besonderes. Sie lächelt jetzt verschmitzt, blickt noch einmal kurz zu mir auf, und geht mit ihren kleinen, geduldigen Schritten weiter.

Der Waschbär mit dem Ahornbaum

Wir spielen alle unsere kleinen Programme unter einem einzigen, riesigen Ahornbaum,
dessen Äste einen großen Kreis formen, in dem die Zuschauer einmal, zweimal um den
Stamm wandern um alles nacheinander sehen zu können. Wie ein großes Zirkuszelt umhüllt
und verstärkt das Laub unsere leisen Gesten.

Der Waschbär ist direkt über den Köpfen der Leute und schaut sich das Alles eine Weile an.
Er sitzt in einer Astgabel und macht große Augen, wenn man ihn ansieht. Als die Leute auf
dieselbe Seite des Stammes kommen wird es ihm doch ein wenig zu intim, und leise, aber
vor allem gemächlich, zieht er sich zum Stamm zurück, an dem er dann Schritt für Schritt in
die Höhe klettert. Viel weiter oben steigt er dann wieder auf einen dünnen Ast, wandert dort
im Gleichgewicht bis zu einer passenden Gabel, und bezieht dort Stellung, um auf der einen
Seite nur seinen gestreiften Schwanz zu zeigen, und auf der anderen den gelegentlichen
Blicken mit starren Augen aus seiner Maske zu begegnen.

Lang haben wir ihn nicht gestört, wir sind zur Mittagszeit an der Leesenbrücker Schleuse in
Marienwerder angekommen, und noch vor dem Abend liegt der Platz wieder so da, wie wir
ihn vorgefunden haben, und alle Spuren unseres Festivals das in der Zwischenzeit
stattgefunden hat sind wieder verschwunden. Der Waschbär verlässt langsam seinen
Aussichtsposten und streift durch die Brombeerranken ans Ufer, wo er die gepflückten
Beeren mit leisen Gesten wäscht. Dann frisst er sie zufrieden auf…

Der alte Mann mit der Nelkenzigarette 2

Zwischen Marienwerder und Finowfurt fließt der Kanal durch den Wald. Der alte Mann mit  der Nelkenzigarette sitzt mir gegenüber und tritt nicht wirklich in die Pedale. Ich habe ein  bisschen das Gefühl, dass der Finowkanal plötzlich herauf fließt. Das Wasser liegt hier sehr still zwischen den hohen Bäumen, und vor unseren Booten kräuselt es keine Welle. Wir  liegen ein bisschen zurück und als sich das Becken ein bisschen verbreitert scheint es als  würden die Kollegen auf ihren kleinen Schiffen durch den Wald schweben. Es riecht nach  Unterholz und schweren Blumen und bis ganz nahe an die Autobahn sind nur die  Vogelstimmen und das Klatschen unserer Tretbootruder zu hören. Der alte Mann lächelt ein  bisschen spöttisch, so sehr komme ich ins Schwärmen. Er hat einen hellen Hut auf und der  Schatten umspielt seine Augen zusammen mit dem Rauch seiner süßlichen Zigarette. Er sitzt mit dem Rücken zu den kleinen Häuschen im Wald, die dem Kanal ihre Sonnenseite  zuwenden, er hat sich das so ausgesucht und will das jetzt auch nicht ändern.

Vor uns gleiten die drei anderen Boote und wecken die Neugier der Waldbewohner auf ihren Terrassen. Wenn sie dann zum Wasser kommen um den seltsamen Gefährten hinterher zu  blicken, tauchen wir erst auf, und im langsamen Vorbeiziehen entstehen zurre  Gesprächsfäden. Eine Frau muss erst ihr Gartentor aufschließen, kommt dann am Steg an  und ruft noch ihren Mann hinzu. Während sie da stehen und mit uns reden fällt ihnen auf,  dass der Steg schmutzig ist, sie bricht das Gespräch abrupt ab und ich sehe sie beim  Weiterfahren mit einem Wischer zurückkommen und energisch ihren Steg schrubben.

Der alte Mann winkt ab und drückt seine Zigarette in einer alten Bonbondose aus. Als er  seinen Hut abnimmt sehe um sich den Schweiß zu trocknen, sehe ich eine kleine  Schnittwunde an seiner Stirn. Vom Rasieren, sagt er als ich ihn darauf anspreche, kichert  kurz, und setzt seinen Hut wieder auf.

Dass mit dem Fahren geht aber deutlich besser als letztes Jahr, meint der alte Mann und  hustet kurz. Er sagt es ausgerechnet während zwei Boote querstehen, weil Anne und ich an  ihrem Antrieb Gummis getauscht haben, die sich durchscheuern und regelmäßig tariert oder ersetzt werden müssen. Ich bin kurz ein bisschen außer Atem, weil ich versucht habe jeden  Handgriff so schnell wie möglich zu machen, schaue ein bisschen irritiert, was ihn schon  wieder ein bisschen spitzbübisch unter seinem Hut hervorblitzen lässt, aber er meint es  ernst, und er hat recht. Sowohl unsere Boote haben sich verbessert als auch unsere  Fähigkeit damit umzugehen, und damit auch unsere Fähigkeit unseren Kollegen zu zeigen, wie man mit diesen Booten über diesen Kanal fährt.

Es riecht sogar mal kurz nach Rauch, während Georg auf seinem Ofen und während der Fahrt frischen Kaffee kocht. Ich grabe, ebenso während der Fahrt nach Schokolade und  Keksen, jemand findet Tassen in seinem Schwimmer und wir tauschen uns, im Zickzack  Positionen wechselnd, eine kleine Stärkung aus. Auch das Schleusen hat sich verbessert, letztes Jahr war es noch jedes Mal eine kleine Herausforderung. Jetzt sind die Tore offen, wenn wir ankommen und wir wissen was wir zu tun haben. Die Schleusenwärter kennen  unsere Reisegeschwindigkeit besser als wir selbst, und sie rechnen für uns mit, bis wohin wir an einem Tag fahren können. Nicht mal auf den Brückenhub warten wir jetzt, sondern falten unsere Dächer ein und kriechen unter der Brücke durch, ganz nah am gebeugten Rücken brummt der Straßenverkehr.

Der alte Mann ist kurz vorher ausgestiegen. Vielleicht wollte er sich das dann sich nicht antun, vielleicht hat er es auch im Rücken. Als ich unter der dunklen Stahlbrücke wieder auftauche sehe ich ihn links an der Straße stehen und mir, die Zigarette schon wieder in der Hand, noch ein kleines Zeichen geben.

Die Jugendlichen mit den vielen Feuerzeugen

Als wir anlegen, sitzen sie auf den Stufen die zum Steg führen. Sie bibbern ein bisschen, obwohl es sehr warm ist. Normal, ihre Kleider sind klatschnass, um sie herum ist eine mittelgroße Pfütze entstanden. Er sitzt zwei Stufen über ihr, sie lehnt sich zwischen seinen Beinen an, und versucht wohl auch ein bisschen Wärme abzubekommen. Sie schnorrt mich um ein bisschen Tabak an, besser gesagt, ob ich ihr eine Zigarette drehen kann. Er schüttelt immer wieder seinen Kopf, als ob er Wasser in den Ohren hätte. Hat er aber nicht, sein Kopf ist trocken, aber seine Haare sind vorne lang, und seine leichten Locken verdecken regelmäßig seine obere Gesichtshälfte. Ich reiche ihr die Zigarette, ganz Gentleman bietet er ihr Feuer an, mit einem Feuerzeug das er ihr aus der Brusttasche stibitzt hat. Als er es einstecken will zieht sie sanft aber bestimmt an seinem Ärmel, und mit einem großen Grinsen, das mal wieder ganz ohne Augen auskommen muss, lässt er es wieder in ihr Hemd fallen.

Vorhin standen sie noch bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Sie mit schriller Stimme, er  mit abgehackt wirkenden kurzen Sätzen, als würde sein Organismus mehr Wörter auf einmal nicht zulassen, rufen sie sich zu, was sie mit den Füßen am Grund des Kanals ertasten. Dann angeln sie danach und befördern große Absperrgitter ans Ufer, und ein Fahrrad, das noch recht funktionstüchtig aussieht.

Jetzt haben sie sich ihre vielen Feuerzeuge wieder eingesteckt, sie prahlen damit wie viele sie jeweils haben, kennen außerdem Markennamen von Feuerzeugen, ein Lebensdetail das  ich nie beachtet habe, und ich kann nur ihr Fachwissen anerkennen. Sie sind nicht hier um den Fluß zu beobachten und die Trauerweiden die hier ihre Äste fast bis ins Wasser hängen, oder um das Licht zu bewundern, dass sich jetzt gegen Abend mit immer wärmeren Orangetönen anreichert. Sie sind auch nicht hier um den Biber zu beobachten der am gegenüberliegenden Ufer sitzt und sich minutenlang das Hinterteil kratzt. Sie sind hier, weil  sie sich langweilen. Ihre Sommerferien sind lang und das ist auch gut so, meinen sie. Aber  ihre Zeit scheint einfach nicht vergehen zu wollen.

Mein Freund hat über 350 Feuerzeuge, sagt sie. Ich schaue ihn an. Wenn er nicht weiß, was er sagen soll kitzelt er sie unter den Armen oder an den Rippen. Ich schaue dann automatisch und ein bisschen schüchtern woanders hin. Das macht unseren Gesprächsfluss nicht besser, aber sie kompensiert unsere Lücken mit spielerischer Selbstverständlichkeit. Und eine aus meiner WG, die hat so einen Ständer, wie im Supermarkt, den hat sie voll mit Feuerzeugen, da sind bestimmt 150 drin, und dann hat sie noch mehr in einer Kiste.

Alles an ihr sieht jung aus, sogar die Zähne sehen so aus als seien sie gerade erst nachgewachsen und hätten sich noch nicht für eine definitive Größe und Anordnung entscheiden können. Ihre Augen sprühen vor Energie, während sie erzählt, von ihren WGs, die betreut sind, und wo sie nicht rauchen darf, von ihrem Freund, und ich merke, dass es nicht der junge Mann ist mit dem sie da ist, von ihrer Freundin mit der sie hoffentlich bald zusammen in eine Wohngruppe kommt, von ihrem Drogen- und Alkoholmissbrauch nach  dem Tod ihrer Schwester, von der Ungerechtigkeit des Lebens und ihrer super Bande, die sie abholen kommt nach dem kurzen Klinikaufenthalt den sie vorzeitig beendet hat. Mein Kopf schwirrt ein bisschen vor Informationen und ich frage mich ob der Fluss mich schon so verändert hat, dass ich nicht mehr mitkomme, oder ob ich einfach alt bin.

Der Biber sitzt immer noch da. Wahrscheinlich bin ich einfach alt. Sie lächelt während sie das alles erzählt, er, also ihr bester Freund, sieht betroffener aus. Aber ich kann seine Augen schon wieder nicht sehen, ich kann mich täuschen. Sie müssen dann mal los, er muss zu seiner Tante, auch er wohnt nicht mehr bei seinen Eltern, sie trifft ihre beste Freundin.

Wenig später sitzt ein junger Mann auf derselben Treppe. Er hat immerhin eine Angelrute auf dem Gepäckträger, auch wenn er dem Kanal bis jetzt nicht mehr Aufmerksamkeit schenkt als sie vorhin. Wir reden kurz über Fahrräder, seins, meins, und Georgs, und ich bemerke fasziniert mit welcher Selbstverständlichkeit er sich auf dieser Treppe benimmt als sei sie sein Wohnzimmer, genau wie die zwei Jugendlichen noch vor wenigen Minuten.

Drüben sitzt immer noch der Biber und knabbert an einem Ast. Später kommt sie nochmal kurz vorbei. Noch eine Zigarette, ihre Freundin wartet oben auf der Wiese. Morgen fährt sie in Urlaub an einen See, mit der WG. Und ihrer besten Freundin. Also einer anderen. Letztes Jahr im Urlaub hat sie alle dazu angestiftet nachts und in Klamotten im See baden zu gehen, sie lacht stolz und glücklich beim Erzählen.

Schön so viele Freunde zu haben, sage ich. Ja, schon gut, aber so viele sind’s gar nicht. Richtig gute Freundinnen hab ich nur vier. Sie sieht mir von alleine an, dass ich ihre jüngste Aussage widersprüchlich finde und wirkt kurz nachdenklich. Schöne Ferien Dir, ja danke, tschüss dann. Diesmal waren die paar Stufen mein Wohnzimmer, anscheinend zählt wer zuerst da ist. Die Sonne geht unter und der Biber ist jetzt auch nicht mehr da.

Der Junge mit dem Eisstiel im Mund 2

Er kann gar nicht richtig gut schwimmen. Es sieht ganz gut aus, wenn er vom Steg springt
und durchs Wasser schießt, aber jetzt ist er in der Mitte des Kanals und hält eine Hand aus
dem Wasser. Er hat eine Libelle auf der Fingerspitze, die auf der Wasseroberfläche lag und  
nicht mehr hochkam. Er hält sie hoch und trocken und ohne diese Hand wird sehr schnell
deutlich, dass er sich ganz gut an der Oberfläche halten kann, aber mehr nicht. Andere,
größere Libellen schwirren über seinem Kopf, wie lautlose Rettungshubschrauber, wechseln
nervös die Richtung und schweben dann sekundenlang regungslos an derselben Stelle.
Ich hocke im Sand des Uferweges und schaue ihm zu, während ich das Bremskabel am
Vorderrad seines kleinen Bruders richtig einbaue. Der fährt hier seit zehn Minuten mit einem
Freund hin und her und stellt jedes Mal, wenn er vorbeikommt, eine neugierige Frage, und
schleudert mit seinem Fahrrad den Sand in die Luft. Aber sein vorderes Bremskabel  
war ausgehängt und falsch wieder eingebaut und jetzt haben sie ihre Räder hingelegt und
stochern mit langen Ästen im Schilf, und ich habe alle nötigen Werkzeuge zufällig zur Hand
und nutze die Gelegenheit um seine Bremse wieder zum Funktionieren zu bringen.

Mein Papa kann das nicht, meint der kleine Junge als er zufällig entdeckt, was ich tue. Die
zwei kleinen Jungs schnappen sich ihre Räder wieder und schießen weiter hin und her.
Der Junge mit dem Eisstiel im Mund hängt jetzt an einem Ast, seine Hand ist immer noch in
die Luft gestreckt, anscheinend wartet er immer noch darauf, dass die Libelle ihre
Lebensgeister wieder zusammensammelt und seinen Finger wieder verlässt. Ganz vertieft
ist er in die Betrachtung seiner Hand und geistesabwesend schiebt er den Eisstiel in seinem
Mund hin und her. Irgendwann scheint die Libelle endlich zu starten, ich sehe ihn die Hand
sinken lassen und ihr lange hinterherblicken.

Na, also geht die jetzt, frage ich den kleinen Jungen als er mal wieder neben mir zum
Stehen kommt. Ja, sagt er und flitzt weiter. Sein großer Bruder klettert über ein altes
Surfbrett, dass er sich als improvisierten Steg ins Schilf gelegt hat, wieder zurück an Land,  
und schlüpft ohne sich abzutrocknen wieder in seine Kleider.

Ein Mann schiebt seinen Sohn im Fahrradanhänger am Ufer entlang in meine Richtung um
sich nach Etta zu erkunden, die letztes Jahr mit uns unterwegs war. Als sein Sohn
ungeduldig wird, beuge ich mich zu ihm und schenke ihm eine leuchtende Hibiskusblüte die
von einem Strauch gefallen war. Dante, sagt der Kleine, und grinst mich an. Das Abendlicht
färbt sich golden als der Junge mit dem Eisstiel im Mund an uns vorbeigeht und mit den zwei
Fahrradakrobaten in Richtung Dorf verschwindet.

Die Jugendlichen, diesmal ohne Feuerzeuge

Sie steht im Supermarkt plötzlich vor mir. Ich freue mich wie über ein Wiedersehen mit
einem alten Bekannten, sie auch, sehr offensichtlich. Ich staune, freue mich über das
vertraute Gesicht und das große Lächeln, weiß gar nicht, welche Form der Begrüßung in so
einem Fall passend sein soll. Ihre beste Freundin ist schon jetzt peinlich berührt. Tatsächlich
sind wir uns nur einmal begegnet, während der ersten Woche unserer Reise, und unsere
Begegnung taucht kurz vor meinem inneren Auge auf. Die Treppe am Kanal, der Biber, die
nassen Jugendlichen mit den vielen Feuerzeugen, und dass sie ins Ferienlager fahren
wollte.

Ich frage sie danach und sie freut sich sichtlich über die Gelegenheit zu erzählen, ihre beste
Freundin die auch dabei war, nickt nur manchmal mit dem Kopf, ist vor Allem aber sichtlich
entgeistert über die Situation. Wir kennen uns nicht. Wir stehen im Weg. Ich habe es eilig.
Sie redet eindeutig zu laut für einen Supermarkt, und ihre Geschichten sind eindeutig zu
intim um hier erzählt zu werden. Gleichzeitig ist ihre gute Laune ansteckend, ihr offensives
Vertrauen macht mich Lächeln und ich habe keine Lust das Gespräch abzubrechen.
Ich lese meine Einkaufsliste vor, auch um das Thema zu wechseln, greife in die mir
unbekannten Regale, sie kommentiert meine Einkäufe, auch ihre Freundin mischt sich jetzt
ein, hat eine klarere Meinung zu Lakritze, fürchterlich, schwarzer Schokolade, genial, als
zum Baden in der Müritz, so naja. Sie will jetzt aber doch mal suchen was sie braucht.
Zu zweit stehen wir also vorm Weinregal, schauen mit schräggelegten Köpfen die
Flaschenreihen an und nicken wissend und nachdenklich. Sie nimmt eine Flasche auf gut
Glück, präsentiert sie wie ein Sommelier, freut sich, dass ich einverstanden bin und
ebenjene Flasche in den Wagen lege.

Wir nehmen Anlauf und schlittern um die Kurve in die lange Reihe Konservendosen, sie
steht auf dem Rahmen des Einkaufswagens wie auf einem alten Auto mit Trittbrett, streckt
den Arm aus und wirft mir die Dosen zu, die sie schnappen kann, manchmal sind es sogar
die, nach denen ich frage. Ich bremse zu scharf ab und sie purzelt kopfüber in die
gegenüberliegende Auslage, ein Glück, Taschentücher, die habe ich noch gebraucht. Ihre
Hand erscheint in dem Haufen verschiedener Marken und Varianten, eine Vorratspackung
ist darin, unversehrt. Sie taucht prustend auf, schnappt nach Luft und schüttelt die kleinen
Päckchen ab die in ihren Kleidern hängen.

Wir wählen Frühstücksflocken aus, indem sie mit geschlossenen Augen in der Mitte des
Gangs steht, die Arme ausgebreitet, und sich im Kreis dreht, Stop, rufe ich, und wir nehmen
die Pakete auf, die sie beim Anhalten taumelnd zeigt. Wir sprinten zum Kühlregal, legen uns
große Mozzarellapackungen auf den Kopf um uns abzukühlen. Der Filialleiter trommelt
einen Rhythmus auf einem Vorratseimer Waschmittel, eine Einzelhandelsfachverkäuferin
spielt mit Bambuszahnbürsten ein Xylophon Solo auf einem leergeräumten Regalgitter.
Schön Dich weiterzusehen, sage ich in der Schlange am Kassenband, Ja, man sieht sich,
sagt sie mit Sicherheit in der Stimme, ich lasse ihre Freundin durch, sie legt nur Kaugummis
und ein Feuerzeug aufs Band. Mit Karte zahlen bitte, nein, keine Kundenkarte, danke, ihnen
auch noch einen schönen Nachmittag.

Bis ich zur Tür komme sind die beiden schon außer Sicht. Vielleicht hab ich jetzt ein
bisschen zu viel in den Taschen, denke ich jetzt. Auf dem Boot sieht der Inhalt eines
Einkaufswagens nach übertrieben viel aus, aber irgendwie konnte ich mich nicht richtig
konzentrieren.

Die jungen Frauen mit der WG

Mein Blick hat sich verändert, wenn ich über Brücken fahre, ich schaue jedes Gewässer an wie einen potenziellen Wasserweg, stelle mir vor wie unsere kleinen Katamarane darüber gleiten könnten, frage mich wie das Zusammentreffen mit den Menschen am Wasser hier stattfinden könnte, genieße die Fantasien einen Moment, so wie jetzt im Schnellzug sitzend, und finde mich schnell in Erinnerungen wieder. Schnell wie Gedanken streife ich wieder durch Deutschland und Europa, treffe Kollegen und Familie in Zeitrafferwochenenden, zünde und starte Motoren, passe meine Zugverbindungen den diversen Verspätungen an,

checke in Hotels ein und aus in deren langen Korridoren ich mich verlaufe, und bei jeder Gelegenheit schweift mein Blick über Wasser und sucht nach der kleinen Karawane aus bunten Booten die mich langsam um die Ecke tragen könnte.

 

Ganz unverhofft haben wir so zwei Frauen an einem Bootssteg auf der grünen Uferseite in Eberswalde überrascht. Können wir mitfahren? Klar. Aber die Fahrräder? Die auch.

Ich schlage die Leinen um die kleinen Poller und halte die Seile fest während erst die Fahrräder und dann ihre Besitzerinnen einen Platz auf meinem Boot finden. Abstoßen, weiterfahren, Leinen wieder einrollen. Eine lacht und sitzt mir gegenüber und tritt mit mir in die Pedale, eine sitzt auf meiner Bootskiste und sieht nachdenklich wie zu wie wir

ganz geruhsam die Stadt durchqueren, auf unserem Weg zur Eberswalder Schleuse und weiter. Wie weit weg mir jetzt schon die Schleuse erscheint, die kleine Erleichterung die ihr Schatten und ihr Luftwirbel in die Sommerhitze gleiten lassen. Wie weit die Sommerhitze schon wieder weg ist, in der ich zugesehen habe wie eine ganze Gruppe junger Erpel sich immer wieder müde den Weg vom Wasser bis unter ein geparktes Auto geschleppt haben. Selbst zum Schnattern zu betäubt von der Sonne. Wenn es nie wieder regnet dann müssen wir einen Regentanz machen, sagt die Frau auf der Kiste, und blinzelt in die Sonne und das gleißende Wasser des Kanals. Weißt Du warum das bei den Indianern funktioniert fragt die Andere und schaut mich schelmisch an? Nein, sage ich und muss lachen, gestern standen wir stampfend und singend auf einem Holzanleger und haben einen Anwohner zum Kopfschütteln gebracht. Was er genau gesagt hat weiß ich jetzt nicht mehr, aber schon da ging es um eventuelle Regentänze…

 

Weil sie einfach nicht aufgehört haben bis der Regen kam, sagt sie, und in ihrem Blick ist Sehnsucht. Vielleicht fahr ich einfach mit, wird sie später sagen, ich fahr einfach weiter mit, aber ihre Freundin protestiert, weil sie gerade erst eingezogen ist, in die WG, und jetzt schon wieder einen neuen Mitbewohner suchen zu müssen einfach zu viel Stress wäre.

Weil wir noch einkaufen wollen legen wir bald nach der Schleuse an einem Anleger an, das Gespräch driftet um Freiheit und Fernweh. Was hält Dich denn hier, fragt die Sehnsüchtige, und schlagfertig antwortet ihre Kollegin, das Seil noch in der Hand mit dem sie das Boot vertäut hat: Der Knoten hier…

 

Die Lust manchmal mein Auto an Laternen festzubinden, vielleicht kommt sie daher, aus dieser Verbindung zum Ufer, die es ermöglicht mit der Welt um uns herum in Austausch zu treten. Ach wenn es doch reichen würde diese leisen Gesten mitzunehmen um überall so intensiv austauschen zu können wie auf unserer Fahrt über den Finow. Eine Leine muss da noch angebunden sein, ich spüre wie sie an mir zieht, wahrscheinlich komm ich nächstes Jahr einfach nochmal und ziehe den Knoten nach.

Die Veranstaltungen

Guten-Morgen-Eberswalde DCCLXXXIX
Sonnabend, 20. August 2022, 10:30 Uhr
Heute an der Eberswalder Stadtpromenade unterhalb der Friedensbrücke

Das „Festival der leisen Gesten“!

Mit Julian Bellini, The Cat’s Back, Ursula Suchanek, Anita
Bertolami, Shiva Grings und Georg Traber (Geschichten, Installationen, Spiel und Musik)

https://eblofari.com/festivalderleisengesten/ 

Foto: Torsten Stapel

Zum Abschluß ihrer dreiwöchigen Tournee gastiert das Festival der leisen Gesten noch einmal in seiner Gänze bei Guten-Morgen-Eberswalde am Sonnabend, dem 20. August 2022, sozusagen im Heimathafen an der Eberswalder Stadtpromenade. Die 789. Ausgabe von Guten-Morgen-Eberswalde beginnt, wie sollte es anders sein, um Halbelf am Vormittag.

Das „Festival der leisen Gesten“ wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. 

Ausstellung, Konzert und Festival der leisen Gesten

Freitag, 19. August 2022, ab 17 Uhr
Pfarrgarten Ostend

(Saarstraße 55, 16225 Eberswalde)

Musik von LüüL & Friends, Holzskulpturen von Alexander Schenk und das „Festival der leisen Gesten“!

Mit Julian Bellini, The Cat’s Back, Ursula Suchanek,  Anita Bertolami, Shiva Grings und Georg Traber (Geschichten, Installationen, Clownerie und Musik)

https://eblofari.com/festivalderleisengesten/

Das „Festival der leisen Gesten“ wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. 

Kultur-Fest am Kulturerbe-Ort

Eine Feier zur Erlangung des Europäischen Kulturerbe-Siegels!

Mittwoch, 17. August 2022, 16 – 20 Uhr
Schöpfwerk Neutornow

(16259 Bad Freienwalde, OT Schiffmühle, Neutornow, gegenüber Nr. 67)

Das „Festival der leisen Gesten“!

Mit Julian Bellini, The Cat’s Back, Ursula Suchanek,  Anita Bertolami, Shiva Grings und Georg Traber (Geschichten, Installationen, Clownerie und Musik)

https://oderbruchmuseum.de/

https://eblofari.com/festivalderleisengesten/

–in Kooperation mit der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft „Kulturerbe Oderbruch“

Das „Festival der leisen Gesten“ wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. 

Guten-Morgen-Eberswalde DCCLXXXVIII
Sonnabend, 13. August 2022, 10:30 Uhr
Heute beim Barnimer Brauhaus in Hohenfinow

(direkt am Bahnhof Niederfinow, Am Bahnhof 4, 16248 Hohenfinow)

Das „Festival der leisen Gesten“!

Mit Julian Bellini, The Cat’s Back, Ursula Suchanek, Ola Muchin, Mauricio Roibó und Georg Traber (Geschichten, Installationen, Clownerie und Musik)

https://eblofari.com/festivalderleisengesten/

– in Kooperation mit dem Barnimer Brauhaus

Foto: Torsten Stapel

Wir haben moderne Nomaden in der Region, Künstler die mit ihren selbstgebauten Tretbooten auf dem Finowkanal unterwegs sind, Orte entdecken, sich merken und wieder aufsuchen, vielleicht zukünftig in jeder Saison.
Das Festival spielt am kommenden Sonnabend, dem 13. August 2022 ein zweites Mal im Rahmen von Guten-Morgen-Eberswalde auf. Wir betätigen uns als Botschafter Eberswaldes, reisen dem Festival nach und präsentieren uns diesmal außerhalb der Stadtgrenzen, schließlich sind wir im Reisemonat. Nach Janine Bohn von der First Crack Kaffeerösterei auf dem Rofin Park Gelände in Eberswalde am vergangenen Sonnabend, sind diesmal Nora und Sören von Billerbeck mit ihrem Barnimer Brauhaus in Hohenfinow unsere Gastgeber. Ihre Brauerei ist direkt am Bahnhof Niederfinow, also wiederum ganz in der Nähe des Finowkanals gelegen.

Auch die 788. Ausgabe von Guten-Morgen-Eberswalde beginnt am Vormittag um Halbelf. Kommen Sie mit dem Zug, mit dem Fahrrad auf dem Treidelweg oder bilden Sie Fahrgemeinschaften… Freuen Sie sich auf den aus Frankreich zu uns gekommenen Zirkuskünstler Julian Bellini mit seinen auf Beutezug befindlichen Tieren, auf die niederländische Liedermacherin und Entertainerin The Cat’s Back und die deutsche Folkmusikexpertin Ursula Suchanek, auf die polnische Puppenspielerin Ola Muchin und den chilenischen Puppenspieler Mauricio Roibó, sowie den Schweizer Erfinder und Performer Georg Traber. Geschichten, Installationen, Spiel und Musik! Für Jung und Alt, für Groß und Klein geeignet. Freier Eintritt wie gewohnt, Spenden sind gern gesehen.

Das „Festival der leisen Gesten“ wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. 

Fotogalerie Guten-Morgen-Eberswalde DCCLXXXVIII beim Barnimer Brauhaus

Sonntag, 7. August 2022, 15 Uhr
Heute auf dem Grundstück von Grit Mikeska in Marienwerder ganz in der Nähe der Leesenbrücker Schleuse

(An den Sandenden 30, 16348 Marienwerder)

Foto: Torsten Stapel

 

Das „Festival der leisen Gesten“!

Mit Julian Bellini, The Cat’s Back, Ursula Suchanek, Moe Jaksch, Ola Muchin, Mauricio Roibó, La Luna und Georg Traber (Geschichten, Installationen, Clownerie und Musik)

https://eblofari.com/festivalderleisengesten/

Das „Festival der leisen Gesten“ wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert. 

Guten-Morgen-Eberswalde DCCLXXXVII
Sonnabend, 6. August 2022, 10:30 Uhr
Heute im Rofinpark vor der Halle 36

(Coppistraße, 16227 Eberswalde)

Das „Festival der leisen Gesten“!

Mit Julian Bellini, The Cat’s Back, Ursula Suchanek, Moe Jaksch, Ola Muchin, Mauricio Roibó, La Luna und Georg Traber (Geschichten, Installationen, Clownerie und Musik)

https://eblofari.com/festivalderleisengesten/

-in Kooperation mit Firstcrack Kaffeerösterei

Der August ist bei Guten-Morgen-Eberswalde mittlerweile schon traditionell als Reisemonat bekannt und insofern ist die Veranstaltungsreihe mit seinen Ausgaben 787 bis 790 auf Tour, einmal betätigt sich Guten-Morgen dabei als Botschafter Eberswaldes sogar außerhalb der Stadtgrenzen…

An den ersten drei Sonnabenden präsentiert Guten-Morgen-Eberswalde die internationale Künstlergruppe des „Festivals der leisen Gesten“ in wechselnden Besetzungen. Nach der Pioniertat im Vorjahr werden wir in diesem Jahr den Künstlern und Künstlerinnen vom 1. bis zum 21. August 2022 immer wieder auf dem Finowkanal mit ihren Tretbooten begegnen können. Diesmal geht es in Richtung Westen bis nach Marienwerder und Richtung Osten bis zum Schöpfwerk Neutornow im Oderbruch.

Das Festival in seiner Gänze wird sich zunächst am kommenden Sonnabend, dem 6. August 2022 im Eberswalder Rofinpark vor der Halle 36, der zukünftigen Kaffeerösterei von Firstrack, präsentieren. Um Halbelf am Vormittag erleben wir dann u.a. den aus Frankreich zu uns gekommenen Zirkuskünstler Julian Bellini, die niederländische Singer & Songwriterin Anne Harmsen alias The Cat’s Back, die deutsche Folkmusikerin Ursula Suchanek, den musikalischen Allrounder Moe Jaksch aus Berlin, die polnische Puppenspielerin Ola Muchin und den Schweizer Performer und Spiritus Rector des Unterfangens Georg Traber.

Geschichten, Installationen, Spiel und Musik um Halbelf am Vormittag! Für Jung und Alt, für Groß und Klein geeignet. Freier Eintritt wie gewohnt, Spenden sind gern gesehen.

Fotogalerie Guten-Morgen-Eberswalde DCCLXXXVII im Rofinpark

Festival der leisen Gesten auf dem Finowkanal, Foto: Torsten Stapel

Das Festival erzählt eine neue Geschichte reisender Kunstformen im öffentlichen Raum. Es bewegt sich auf dem Wasser voran und die Flotte von kleinen, ausschließlich mit Wind und Muskelkraft angetrieben Booten, bringt die Künstler von einem Spielort zum nächsten. Die Reisenden setzen sich dabei mit der Region und ihren Eigenarten auseinander. Während der Tour schlafen und wohnen sie auf den Booten, in Zelten am Ufer oder sind zu Gast bei Einheimischen. Dieser länger andauernde und nahe Kontakt setzt auf intensive Begegnung an den Spielorten, welche in die Produktionen und die Gespräche einfließen, und im günstigen Falle auch die Zuschauer zu einem neuen Blick auf ihr Zuhause verführt.

Festival der leisen Gesten am 5. August 2021 vor der Galerie Fenster, Foto: Torsten Stapel

Die Palette der Darbietungen beim „Festival der leisen Gesten“ reicht von Walkact Animationen und erzählten Geschichten bis hin zu vor Ort entstehenden Installationen, Musik, Tanz und Theater.

Initiator des Ganzen ist die Traberproduktion des Schweizer Künstlers Georg Traber, mit dem wir schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Wir denken nur an seine Installation „Heinz baut“, seine Maschine „Till trifft“ oder das wunderbare Musik Karussell, welches auf dem Eberswalder Weihnachtsmarkt Sogwirkung entfaltete.

Festival der leisen Gesten 2021

Veranstaltungen 2021

MI 04. August 2021 11:00 Uhr | Potsdamer Platz 16227 Eberswalde
Wochenmarkt | Helle Stunde mit Kultur

DO 05. August 2021 19:00 Uhr | Prignitzer Straße 50 16227 Eberswalde
Galerie Fenster | Ausstellungseröffnung

SA 07. August 2021 10:30 Uhr | Schlossgutsiedlung 9 16244 Schorfheide
Schlossgut Finowfurt | Guten Morgen Eberswalde

DI 10. August 2021 19:00 Uhr | Schleusenstraße 61 16225 Eberswalde
Atelier Gudrun Sailer | WERFT TV Studio Halbelf

MI 11. August 2021 11:00 Uhr | Potsdamer Platz 16227 Eberswalde
Wochenmarkt | Helle Stunde mit Kultur

SA 14. August 2021 20:00 Uhr | Triangel Camping Niederfinow 16248 Niederfinow
Es spielen Sara Hasenbrink „Das kleine Gedeck“ und Julian Bellini

MI 18. August 2021 19:30 Uhr | Hebewerkstraße 16248 Niederfinow | Ehemalige „Kistenfabrik“

SA 21. August 2021 10:30 Uhr | Barnimer Brauhaus in Hohenfinow
U.a. mit Julian Bellini, Inka Arlt, Sara Hasenbrink, Etta Streicher und Georg Traber

Logbuch des Reisenden Julian Bellini 2021

Fotos: Beatrice Graf

Wenn ich die Augen jetzt schliesse kann ich es immer spüren. Manchmal muss ich ein bisschen mehr suchen, manchmal ist es überdeutlich. Die Welt schwankt um mich herum. Oder in mir. Der Unterschied ist nicht immer ganz klar.

Seit drei Tagen sind wir jetzt auf den Booten. Endlich, nach den Monaten der Vorbereitung, den endlosen Baustellen,der langen Anfahrt und zu guter Letzt dem anstrengenden Aufbau, schwimmt unser verspieltes, wunderbar einfaches und verwinkelt ausgeklügeltes Zeltdorf nun im Finowkanal.

Drei Tage in denen ich bestimmt öfter auf ein Boot gestiegen bin als in meinem ganzen Leben vorher, ich habe in dem Zelt geschlafen das mich, am Steg gesichert, langsam durch die Nacht wiegt, ich habe alles mindestens dreimal in verschiedene Kästen und Listen ein-und wieder ausgeräumt.

Bin ich auf dem Boot schwankt das Boot und mein Körper gleicht die Bewegung aus. Sie weit so einfach. Manchmal sieht das ein wenig komisch aus, vor Allem wenn ein Fuss auf dem Boot steht, das andere Bein noch am Ufer, und am besten keine Hand frei ist um sich an irgendetwas festzuhalten. Manchmal fühlt es sich so einfach an als hätte mein Gleichgewichtssinn nur auf diese Gelegenheit gewartet, wenn mehrere Personen sich auf dem Boot bewegen und mal die Nase, mal eine Seite, mal die andere, tiefer ins Wasser eintauchen, um gleich darauf sanft wieder nach oben zu schwingen.

Natürlich schwankt da alles, und ich merke es nicht, es ist ein sanftes Trudeln, mein Innenohr in der Badewanne.

Aber natürlich bin ich nicht immer auf dem Boot. Am Wasserhahn muss ich mich bücken und leise sucht mein Gehirn nach der Bewegung die der Boden unter meinen Füssen jetzt machen sollte, sie kommt nicht, lebst der weiche Sand unter dem Gras schaukelt nicht. Ich stehe an der Ladenkasse und frage mich ob man von aussen sieht dass mein Körper sich immer sacht hin und her wiegt, selbst im Sitzen suchen meine Sinne nach den Eindrücken die mir verraten könnten wie ich die nächste Gewichtsverlagerung ausgleichen sollte.

Die Welt schwankt.

Die Welt scheint es gut mit uns zu meinen. selbst wenn wir uns übernehmen und uns zu viel Arbeit an einem Tag zumuten belässt sie es bei einer kleinen Warnung.

Natürlich legen wir zu spät ab, natürlich haben wir doch zu lange gebraucht um das vierte Boot zusammenzubauen. In einer losen Reihe gleiten unsere Tret-und Hausboot Katamarane den Kanal entlang. Kleines inneres Jubeln, viele Eindrücke die ich gerne einen nach dem anderen verarbeiten würde. Kleine Herausforderungen in diesem Fahrzeug das nicht auf hartem Untergrund das für mich tut was Strassenfahrzeuge seit den diversen Skateboards und Dreirädern für mich tun.

Zum Beispiel anhalten wenn ich sie anhalte. Oder nur in eine Richtung auf einmal fahren.

Ich lerne noch was ich tun muss um mich mit dem Boot auf eine ungefähre Richtung zu einigen, lerne mit ihm die Geschwindigkeit zu verhandeln (und es gibt einige Nuancen zwischen « nicht wirklich stillstehen » und « beschwingte Schrittgeschwindigkeit »).

Währenddessen wird es dunkel.

Und es fängt an zu regnen.

Und das Wasser ist da wo wir fahren wollten gar nicht tief genug.

Als die Nacht ihre Schwärze entfaltet hat ist der Schauer schon wieder vorbei, die Boote mehr oder minder festgebunden und es ist nichts wirklich schiefgegangen, aber das tiefe Durchatmen hat eine neue Qualität.

Unser kleines Zeltdorf liegt jetzt locker angeleint am Steg, wir sitzen mit Stephan und Andrea am Steg und reden über Keramikbrennöfen und das Ego in der Kunst, der Einbruch der Nacht ist diesmal eine friedliche Stunde.

Und in kleinen, schwankenden Schritten verhandeln wir mit dem Festival der leisen Gesten, das da in eine unscharfe Richtung schaukelt und in einer ungefähren Geschwindigkeit Fahrt aufnimmt.

Fotos: Torsten Stapel

Manchmal möchte man einfach Durchschnaufen und Geniessen. Hinter uns liegt monatelange Vorbereitung, jede Menge Arbeit und noch mehr Ideen und Träume. Vor uns liegen sicher auch noch ein paar Hindernisse. Einige können wir schon erahnen, andere werden sich in genau dem
Moment präsentieren in dem sie auftreten, manchmal werden sie auch eine sofortige Lösung erfordern, oder eine schnelle Reaktion. Aber dazwischen liegen Momente in denen man einfach innehalten möchte. Momente die man ein bisschen mehr wahrnehmen möchte. Kurze Momente in denen einfach nur das Wirklichkeit wird, was so lange eine Vorstellung war.

Die Boote gleiten übers Wasser, begleitet vom leisen rhythmischen Klatschen der Antriebsruder. Eine kleine Perlenschnur verrückter und bunter Tretboote die uns um den Körper wachsen wie
Wasserschneckenhäuser. Dass auch das Verkehr und Transport ist muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen, so stark ist der Kontrast zu allem was ich in dieser Kategorie bisher gekannt habe.

Oder die Schleuse, die brodelt und unsere Boote in ihrem kochenden Wasser an der Mauer entlang nach oben schiebt. Schwarze Mauern, Muscheln die sich farblich in nichts von den Backsteinen unterscheiden an denen sie Halt gefunden haben. Bis ich meinen Platz eingenommen habe ist ein Tor sowieso schon zu. Dann donnert das Wasser ein und mein kleines Boot wird geschüttelt und gedrückt, und auf einmal ruckelt es mich nach oben. Und während das einströmende Wasser sanfter wird weitet sich oben der Himmel und auf einmal steigt mein Kopf über die gemauerten Backsteine und entdeckt Gras und Blumen neu.

Natürlich ist dieses Innehalten gar nicht möglich, zu viel ist noch zu tun und zu bedenken, zu reparieren und anzupassen. Drei unser vier Boote sind auf ihrem ersten Ausflug seit wir sie umgebaut haben, ein einziger von uns hat Erfahrung mit dem Material und seiner Benutzung.
Ich lerne jeden Schritt und jede Funktionsweise neu und versuche gleichzeitig zu lernen und das Gelernte dann auch Abzuspeichern. Gleichzeitig nicht die Bedürfnisse der Anderen aus den Augen verlieren bitte, gleichzeitig nicht vergessen was noch alles vor mir liegt und meine Aufmerksamkeit früher oder später brauchen wird. Gar nicht so einfach da manchmal tief einzuatmen und das Allerwichtigste zu bemerken.
Wir fahren. Wir sind da wo wir sein wollten. Da wo wir sein wollen.

Und es ist ein aufregender Ort. Wildnis erobert sich Parzelle um Parzelle, Wurzel um Wurzel, ein Reich zurück, das ihr vor nicht allzu langer Zeit entnommen wurde, bebaut mit Bauwerken die dafür gemacht waren lange Zeiten zu überdauern, aus Materialien für die Ewigkeit. Backsteine und Stahl stapeln sich zu eigensinnigen Türmen und in den hohlen Fenstern lassen sich die riesigen Innenräume erahnen. Eine Rückseite. Eine der kleinen Rückseiten der Welt. Ich kenne ihre Strassenseite, manchmal rausgeputzt, manchmal nicht, aber hier geht ein Vorhang auf und ich sehe hinter die Bühne, werfe ein Blick in eine intime Unordnung aus ineinander verwobenen Welten die sich sonst so sauber getrennt halten.

… und am Mittag danach

Ein Gespräch über Mücken. Wir sitzen vor der Galerie Fenster und warten auf die Eröffnung der Fotoausstellung, vertieft in ein Gespräch über einen der Eindrücke die unser Leben auf dem Kanal beherrschen… Und auch hier brechen sofort die Trennungen auf und aus einem Gespräch
über Mücken unter uns entwickelt sich eine Unterhaltung mit einem Gast der mir Besonderheiten seiner Biographie und seiner Gegend um Eberswalde vermittelt. Meine wenigen Entdeckungen aus den wenigen Tagen um diesen Kanal verweben sich mit seinen Erzählungen, Fotos die ich auf den Informationstafeln gesehen habe erhalten von ihm eine Geschichte aus erster Hand. Hallen und Ruinen die mir aufgefallen sind bekommen ihren Anstrich und ihren Betrieb zurück.

Eigentlich ist dieser Eindruck viel beherrschender als die 3500 Mückensorten (belegt) die hier im Umland umherschwirren. Der Eindruck dass zwischen uns und den Leuten die uns begegnen ganz schnell Brücken entstehen. Der Eindruck dass dieses Wasser, das die Dörfer und Städte untereinander verbindet, auch uns Gäste mit den Leuten die an seinem Ufer leben verbinden kann. Eine geteilte Erfahrung. Eine gemeinsame Geschichte die es uns ermöglicht miteinander in ein Gespräch zu schwimmen das friedlich dahingleitet und ebenso viele Überraschungen
bietet wie der Fluss und seine Buchten, seine Ufer und seine Ausblicke.

Während die Dämmerung hereinbricht beginnt der Abend mit Sekt und Spritzkuchen (die mir auch schon mehrmals erzählt worden waren) und Georg und Beatrice beginnen ihr Zusammenspiel das in der  wechselhaften Musik ihres Schlagzeugs die Spannung findet die nötig ist um aus biegsamem, feinem Draht Figuren entstehen zu lassen, die auf ihren wackeligen Beinen stehen bleiben und leise schwanken. Gebannt hat der Kreis aus Menschen die sich für die Vernissage eingefunden haben diese Entstehung begleitet, ist mit dem Drahtgebilde erzittert wenn Georgs Hände, das fragile Gleichgewicht ertastend, eine neue Biegung in seinen Wuchs geben. Das gemeinsame Aufatmen ist spürbar. Georgs Hände lösen sich von der entstandenen Skulptur, Beatrices Rhythmen und Melodien erschauern noch in einer Welle aus der ihr eigenen Gleichzeitigkeit von Stabilität und Nervosität, und kommen dann zur Ruhe.

Ganz ohne Anstrengung formieren sich die Gruppen die die Ausstellung besuchen und die Bilder sehen, Bilder von Frauen die ihren Platz hier so natürlich einnehmen als wären sie hier entstanden, ein Echo einer Stimmung die es in ganz Europa zu geben scheint und die auch hier ihre Schwingungen bildet. Spannend diese Blicke zu sehen die denselben Gegensatz aus Ruhe und Aufregung enthalten den wir gerade gemeinsam erlebt haben.

Aus der zwanglosen Ungleichzeitigkeit der Abendgestaltung ergibt sich eine Stimmung die einem Familienfest nicht unähnlich ist. Vielleicht sind wir in diesem Kreis noch nie zusammengekommen, aber wir gleiten vom Innenraum in den Garten und von dort zur Bar und von einem Gespräch ins nächste und von einer Betrachtung in die nächste. Ich geniesse es wahrzunehmen dass die Kunst, die hier auf verschiedenen Tabletts aufgetragen wird, uns verbindet und sich nicht auf Sockeln und Bühnen zwischen uns stellt. Ein Festival der leisen Gesten das Leute mit Kunst zusammenbringt, und Udo als Gastgeber der die Kunst beherrscht Leute zusammenzubringen.

Der kurze Regen der das Ende des Abends ein wenig beschleunigt sorgt zumindest dafür dass uns die Biodiversität der blutsaugenden Zweiflügler heute Nacht weniger besucht…

Fotos: Torsten Stapel

Erstaunlich zu spüren wie sehr sich unser Laben in gewohnten Bahnen bewegt, sobald man diese Bahnen verlässt. Wir verbringen zwei Tage mit Fahren und legen eine Distanz von stolzen zehn Kilometern zurück. Das ist ungewohnt. Es ist vielen Umständen geschuldet aber vor Allem kommt es daher dass keine Notwendigkeit besteht schneller zu sein. Wir geniessen die Sonnenstrahlen auf dem Wasser, wir bewundern die Spiegelungen der Brücken im Kanal, aus dem Bogen in der Luft und seiner Spiegelung entsteht ein Tunnel durch den wir uns von unseren Tretbooten saugen lassen.

Wir geniessen die kleinen Wartezeiten am Schleuseneingang, bewundern die Schleusenbauten die seit ihrer letzten Renovierung vor hundert Jahren (Kupferhammerschleuse?) ihre Arbeit zuverlässig verrichten, uns aus der Erde zu heben oder in die Erde zu senken. Es will uns inzwischen so gemütlich gelingen, als hätte es die Aufregung und latente Überforderung letzte Woche beim selben Vorgang, nie gegeben.

Wobei es natürlich auch unser Glück ist dass wir dem grossen Ausflugsschiff, das sich mit aufreizend langsamer Geschwindigkeit aus dem Schleusenbecken schiebt während wir oberhalb warten, nicht an einer schmalen Stelle begegnen. Immer höher wächst es über das obere Tor der Stadtschleuse während das Becken dahinter vollläuft. Als die Tore sich öffnen schiebt sich ein Rumpf durch die Öffnung der links und rechts keinen Raum für Steuerfehler lässt. Unterm Rumpf anscheinend noch weniger… Wie kleine Kaulquappen zappeln unsere Boote an dieser schwimmenden Insel vorbei und in die Kammer.

Die Stimmung hat sich gewandelt, das Fahren nimmt jetzt weniger Aufmerksamkeit in Anspruch, wir haben jetzt Platz in unseren Köpfen um die Sinne zu öffnen und die Umgebung in uns aufzunehmen, sind verfügbarer für das Zusammentreffen mit den Leuten denen wir begegnen, oder die wir durch das Schilf und die Bäume am Ufer wahrnehmen, und die Veranstaltungen an denen wir auftreten.

Es sind schöne Wahrnehmungen die in meinem Kopf nun langsam zu Erinnerungen werden. Der flüchtig aufblühende Gruss an die wenigen anderen Boote oder ans Ufer, ein geniesserisches Teilen des üppig vorhandenen grünsilbrigen Raumes, der in seiner Wildnis nicht ahnen lässt dass wir uns so nah an der Stadt bewegen.

Der Austausch mit den Leuten deren Universum sich mit unserem überlappt, durch ihre künstlerische Tätigkeit, ihre Einbindung in das kulturelle Leben oder ihre Nähe (und oft Liebe) zu diesem Kanal und seiner Landschaft.

Guten Morgen Eberswalde.

Ein Höhepunkt im Programm der ersten Woche.

Ich habe am Abend vorher das Schlossgut Finowfurt ein wenig erforscht, im Dämmerlicht den Gegensatz zwischen der verwunschenen überwucherten Stuckfassade der Rückseite und der Betriebsamkeit der Vorderseite wo der Samstag vorbereitet wird.

Jetzt strömen Besucher ins Gelände und ich staune über die familiäre Stimmung die sich Raum nimmt, verstehe langsam dass dieses Publikum sich kennt und sich vertraut, so wie es Udo vertraut, der zur Begrüssung erklärt dass, nach über 700 Samstagen in Eberswalde, nun das erste Mal die Stadtgrenze überschritten wurde um den guten Morgen woanders zu zelebrieren. Ein wenig fühle ich mich feierlich, durch meine Teilnahme an diesem ersten Mal.

Da ich sofort danach das Gelände verlassen muss um noch einen anderen Auftritt zu spielen kann ich leider nicht teilnehmen an dem Austausch der sich im Anschluss entfaltet.

Ich entdecke stattdessen eine Besonderheit die ich aus meiner fernen Kindheit im fernen Süddeutschland so nicht kenne. Ich trete auf an einem Zuckertütenfest. In diesem Fall ein Familienfest in einem schönen Park, mit Kindern denen die Aufregung ins Gesicht geschrieben steht. Beatrice an ihrem energisch aufgeladenen Schlagzeug und ich mit meinen beutegreiferischen Frühstücksszenen geniessen die Lockerheit die während unserem Auftritt an den Tischen entsteht, und die Freude der Kinder und Eltern.

Dank Martins Hilfe sind wir rechtzeitig am Zug und ich nehme schweren Herzens Abschied von Beatrice, die unsere Reise verlässt, und wir versprechen uns das gemeinsame Reisen und Spielen zu wiederholen und die Verbundenheit nicht zu vergessen, die aus den wenigen Tagen des Zusammen-er-fahrens entstanden ist.

Rechtzeitig bin ich auch zurück am Schlossgut Finowfurt um die zweite Veranstaltung zu entdecken die heute dort stattfindet. Der Treidelmarkt hat schon begonnen und ich finde eine ruhige Ecke im Treiben aus Musik und Ständen um meinen Tisch mit kleinen Raubtierszenen aufzubauen. Rechtzeitig bin ich bereit, während Etta hinterm Haus Publikum für ihre Kartoffelpoesie versammelt. Als dieses Publikum dann zu mir kommt ist das Licht schon abendlich und in die Dämmerung hinein spiele ich noch zwei Szenen für eine wohlwollende, aufmerksame Gruppe. Die Kinder machen mich darauf aufmerksam dass sie sich an die Szene vom Morgen erinnern und gerne nicht das Gleiche sehen wollen und ich freue mich dass sie wieder gekommen sind, und ich ihnen andere Tiere bieten kann.

Als das Tageslicht erlischt bin ich müde von dem langen Tag mit vielen Begegnungen und Auftritten und geniesse die Musik und das Feuer, komme endlich zum Essen en einem der Stände (auch das Essen ist eine Entdeckung, danke Thorsten), und kann noch ein bisschen die Atmosphäre atmen bevor ich mein Material wieder aufs Boot bringe.

Irgendetwas trifft einen Nerv. Eine Sehne die in Schwingung kommt. Ich beobachte es seit ich hier bin, am Kanal, am Wochenmarkt im Brandenburgischen Viertel, oder an der Galerie Fenster. Nun sehe ich es in den Gesichtern auf diesem Markt, auf beiden Seiten der Stände und Tresen, eine Einfachheit in der Begegnung, eine Neugier die sich schnell entfacht in den Gesprächen die ich beobachte und die ich führe. Ich höre es in den Gesprächen am Wasser, wenn Georg seine Boote vorführt, ob das nun zwischendurch, beim Warten auf die Schleuse stattfindet, oder in einer organisierten Führung, so wie bei Guten Morgen Eberswalde. Und ich sehe es an den offenen Mündern eines Paares, das im Schilf steht und die Boote beim leisen Vorbeigleiten beobachtet.

Und obwohl wir uns so langsam bewegen habe ich das Gefühl schon am heutigen Dienstag in einem wiederum anderen Universum, in einer anderen Welt zu sein. Wir entdecken den Garten von Gudrun Seiler wo heute das Studio Halbelf stattfinden wird. Unsere Camps an Bootsstegen und unter Brücken werden ersetzt durch einen weiss gedeckten Gartentisch zwischen den Bäumen und Skulpturen die hier seit langem wachsen, willkommener Kontrast und warmes Willkommen für unsere ruhige, wilde Truppe.

Mit leiser Geste von Planet zu Planet.

Ein Fest der Sinne.

Fotos: Florian Heilmann

Ich bin zu nervös…

Auf unserem Festival der leisen Gesten führe ich le Predator auf, ein weiches, verformbares Theaterstück, das sich je nach Anlass in kleine Häppchen zerlegen kann, mehr Musik oder mehr Worte enthalten kann, mehr Körpersprache oder Artistik, oder von den Gesprächen mit den Leuten leben kann die rund um das eigentliche Theater entstehen. Je nach der Situation entwickelt sich ein eigenes Tempo, eine eigene Dynamik der Darbietung, die viel Platz für Improvisation lässt, aber viel Aufregung in meinem Kopf auslöst…

Ich bin auf dem Wochenmarkt im Brandenburgischen Viertel, Helle Stunde mit Kultur, und zum ersten Mal in der jungen Geschichte dieses kleinen Projekts habe ich die Gelegenheit eine gute Stunde durchzuspielen, vor Publikum das zwischen den Marktständen sitzt und immer wieder um ein paar Köpfe hier und da ergänzt wird die einen Teil sehen und sich dann wieder ihrem Einkauf zuwenden. Als ich meine Sachen hinterher wieder packe, sprechen mich zwei junge Männer an, anscheinend hat der Eine dem Anderen erzählt was er bei meinem Stück zu sehen bekommen hat. Und ich muss feststellen dass mehrere Menschen mein ganzes Stück aufmerksam angesehen haben ohne dass ich sie bemerkt habe…


Das hat zwei Gründe.
Zum Einen bin ich zu nervös, noch zu aufgeregt von der neuen, noch fremden Arbeit. Davon sind die Sinne beeinträchtigt, meine ganze Wahrnehmung in diesen Momenten zu fahrig, noch zu viel mit sich selbst beschäftigt um frei um sich blicken zu können.
Und zum Anderen ist der betroffene junge Mann, so wie (anscheinend) eine ganze Gruppe Menschen, hinter mir geblieben, hat sich das Theaterstück von hinten angesehen. Hat dann seinem Freund begeistert davon erzählt, scheint ihm also gefallen zu haben, ist aber hinten geblieben, auf einer Bank in sicherem Abstand. Schüchternheit steckt in diesem Verhalten, sicher, Vorsicht auch, man weiss ja nie was so ein Gaukler mit dem Publikum das ihm zu nahe kommt noch alles anstellen könnte. Aber auch, und das höre ich auch aus Gesprächen rund um diese Morgenvorstellung, eine weit verbreitete Überzeugung nicht in der Zielgruppe von Kunst zu sein. Nicht gemeint zu sein wenn die Kultur in den öffentlichen Raum gebracht wird.

Ich bin froh und dankbar die Gelegenheit bekommen zu haben eine kleine Neugier zu wecken, es ist eines dieser Gefühle für die ich mich für die Arbeit im öffentlichen Raum entschieden habe, und ich bin erleichtert den Neugierigen sagen zu können dass das kein Strohfeuer war. Dass sie mit dieser neu entstandenen Neugier an einem anderen Wochenmarkt wieder auf Udo und seine Helle Stunde treffen werden. Zuverlässigkeit die ich nicht anbieten kann, aber ich bin froh ein Teil davon sein zu können.

 

Wir sind einige schöne Tage lang, immer wieder zu Gast bei Gudrun Sailer, entdecken ihren Garten und ihre Ateliers und unsere grosse Neugier an den Arbeiten des jeweils Anderen. An den Überlegungen die dieser Arbeit zugrunde liegen, an unseren Lebensgeschichten die uns dazu gebracht haben diese Arbeit zu suchen und den Ausdruck innerer Zustände der damit einhergeht. So unterschiedlich es auch sein mag, mit schwernasser Tonerde im Atelier zu formen oder mit schweissnasser Haut Körpertheater auf der Strasse zu spielen, wir entdecken viele Parallelen in unseren Lebensgeschichten und Intentionen, und ich bin dankbar als sie uns eine Tonplatte zur Bearbeitung überlässt und wir unsere Hände in diese Materie tauchen können um darin zu suchen. Wie viel Zeit vergeht weiss ich nicht, aber unsere kleine Gruppe ist ganz versunken in dieser Berührung, zwölf Hände graben sich durch die Lehmschicht zueinanderhin und wieder auseinander und die sinnliche Erfahrung aus unseren einzelnen Bewegungen eine grosse zu machen spiegelt sich mit unserer Reise und unserer Arbeit.

Schön ist es diese Gruppe auf diese Art noch einmal wahrnehmen zu können, denn es stehen wieder Abschiede an, Abschied von Gudrun die auf ihre Art Teil dieses Abenteuers geworden ist und auch lange Abende mit uns am Steg verbracht hat, und Abschiede in unserer Reisegruppe, die nun ein paar Tage ganz klein ist, bevor neue Kollegen dazustossen.

Auch daran muss ich denken während ich in den Nächten die Sternschnuppen beobachte die in diesen Augustnächten reichlich und hell durch den Himmel schiessen. Kurze Begleiter unseres Weges, und vielleicht neige ich ja zu Melancholie, Nostalgie und Pathos, aber sie gefallen mir so gut dass ich mich gerne mit ihnen vergleiche und in ihnen erkenne.

Alles dauert nur einen Moment.

Dann ists wieder anders.

Ich freue mich darauf.

Fotos: Torsten Stapel

Der Stuhl wackelt.

Schlimmer, seine Füsse versinken im Boden. Auf eine ziemlich unvorhersehbare Art. Das könnte schnell zu einem kleinen Problem werden, denn ich stehe auf dem Stuhl, habe ein Mikrofon in der Hand und versuche trotzdem überzeugend zu singen. Ich bin im zauberhaften Obstgarten des Triangel Camping in Niederfinow und vor mir sitzen im Abenddunkel eine Menge Zuschauer, ich bin mitten in der Show und denke doch darüber nach, dass der Sandboden hier, mit seiner prekären Stabilität, eine ziemlich überzeugende Allegorie für unsere ganze Tournee ist.

Ja, es hält. Meistens. Die kleinen Probleme, die sehr plötzlich auftauchen, sind jedes Mal eine kleine Überraschung, auch wenn sie natürlich da auftreten wo die grösste Belastung ist. Man ist kurz aus dem Gleichgewicht gebracht, bis jetzt hat es sich aber jedes Mal wieder gefangen. Der weiche Boden, den uns die Unterstützung von Udo und seinem Team bietet, fängt die Stösse leicht ab. Die Begegnung mit den Leuten am Kanal ist warm und locker.

Fast möchte man Wurzeln schlagen…

Unter den Obstbäumen streift auch Sara Hasenbrink über den Campingplatz und spielt ihr Close-up Theater für kleine Gruppen Zeltgäste, heute Nachmittag hat Marion Noelle eine Feldenkrais Stunde angeboten, Inka Arlt ist angekommen und hat ihr Glückstück mitgebracht, und ich packe wieder ein paar Tierchen aus. Nach unserem kurzen Moment mit minimaler Belegschaft sind nun wieder neue Kollegen zu uns gestossen und wir entdecken selbst ganz neu welche Angebote unser Festival der leisen Gesten jetzt machen kann.

Wieder scheint es einen Nerv zu treffen, die Stimmung ist wunderschön, und Sibil vom Zeltplatzteam sagt in ein paar warmen Worten dass sie schon lange Lust hatte Kulturangebote machen zu können, und es nun endlich geklappt hat. Ich erinnere mich an ein lange zurückliegendes Gespräch mit dem Direktor meiner Zirkusausbildung, in dem ich das erste Mal den Wunsch formuliert habe, meine Arbeit an Orte zu bringen die nicht überschwemmt sind mit Kultur und Spektakel. Die Lust, den Rahmen jedes Mal neu zu definieren, in dem der Austausch mit dem Publikum stattfinden wird.

Rahmen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und nicht mit allen Eigenheiten hätte ich gerechnet. Nachdem ich im Brandenburgischen Viertel ganz einfach den Kontakt mit den Anwohnern erleben konnte, nachdem wir am Treidelweg in und um Eberswalde in tausend spontane Gespräche verwickelt wurden, wundern wir uns über die fast ausweichenden Blicke bei flüchtigen Begrüssungen hier. Ich suche eine Erklärung in der Selbstsicherheit der Leute, die uns an ihrem eigenen Ort entdecken und ihrer Neugier freien Lauf lassen, im Gegensatz zu den Urlaubsgästen, die womöglich aus der Stadt kommen und nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf uns zugehen können.

Es ist schön den Kontakt durch unsere Arbeit herstellen zu können, und es ist schön nicht sofort wieder verschwinden zu müssen, wir geniessen es hier zu Gast zu sein, kommen nun ins Gespräch, und Marion hat den Leuten eine weitere Stunde Feldenkrais im Gras unter den Obstbäumen versprechen müssen.

Derweil geniesse ich die Landschaft, die ebenso unmerklich, und fast überraschend, gewechselt hat wie ihre menschlichen und tierischen Bewohner. Am Morgen höre ich dem Konzert der Kraniche zu, die auf den offenen Feuchtwiesen tanzen und von Zeit zu Zeit über uns schweben. Während wir flussaufwärts dem ein oder anderen Biber oder Eisvogel begegnet sind gibt es hier nun auf einmal jede Menge Frösche die abends im Ufergrass quaken. Ganz im Westen, über den Bäumen am Horizont kann ich noch den grossen Kran ausmachen, der die Position an den Familiengärten markiert an der wir vor einer gefühlten Ewigkeit unsere Reise begonnen haben, sein rotes Positionslicht blinkt in der Nacht, während wir sozusagen in Sichtweite in einer anderen Welt sind, und uns wohl auch selbst verändert haben.

Eine Weltreise. Eine Weltenreise. Ein Katzensprung.

Fotos: Torsten Stapel

Der Westwind schüttelt die Boote und die Planen flattern im Wind, ich habe kein Fenster nach draussen, aber das Zelt ist vom wechselnden Licht manchmal im Halbdunkel, manchmal hell erleuchtet. Unter mir gluckert der Kanal und manchmal platscht es richtig wenn der Wind mein Boot in den Leinen schüttelt.

Ein Pausentag, sozusagen. Wir haben nicht besonders viel zu tun oder zu regeln heute, um so besser, nachdem wir uns gestern ein bisschen verausgabt haben. Wir haben dem Schiffshebewerk Niederfinow einen Besuch abgestattet der uns mehr Kraft gekostet hat als wir dachten.  

Mit drei Booten sind wir den Finowkanal bis zu seinem Ende gefahren, auch das war schon eine neue Erfahrung, weil die letzten Kilometer geradeaus durch flache Heide, im steifen Westwind nicht einfach waren, ein Teil an meinem Fussantrieb ist gebrochen und die notdürftige Reparatur klappert nun bei jedem Tritt und lässt einen Teil der Kraft ins Leere laufen. Die Wasserpflanzen die sich reichlich und schön in der Strömung wiegen, hängen auch oft und viel in meinen Rudern fest und bremsen die Fahrt zusätzlich.

Schon an der Schleuse Liepe wird uns klar dass die Zeit nicht reichen wird um wie geplant mit dem Hebewerk eine Runde Aufzug zu spielen. Als wir dann vom Finowkanal in die grosse Wasserstrasse einbiegen, und gegen den Wind Kurs auf das Stahlungetüm nehmen, sehe ich unsere Boote zum ersten Mal wie kleine Nussschalen auf offener Fläche treiben, und ich tue mich schwer überhaupt zum Anlieger zu kommen der die Wartestelle für die Einfahrt in den Bauch der Maschine markiert.

Einige grosse Sportboote stehen schon Schlange und sind sichtlich nicht begeistert von unserem Auftauchen, und die Gefahr zu spät zur Schleuse zu kommen nimmt uns die Entscheidung schnell ab. Wir drehen bei und schleusen uns zurück in Sicherheit.

Wir besuchen das Hebewerk zu Fuss. Ein Gefühl beschleicht mich beim Betrachten der riesigen Gegengewichte. Ein Gefühl dass beim Erbauen einer solchen Struktur der Gedanke vorherrscht dass diese Grösse nicht übertroffen werden wird. Dass schon so gigantisch gedacht wurde dass man meinte damit alle Bedürfnisse der Zukunft schon zu bedienen. Das Ausmass der kreativen Energie die nötig ist um sich diese Maschine auszudenken, die buchstäblich Berge versetzt, ist deutlich zu spüren.

Nun stehe ich da und sehe durch die Masse der ordentlich unübersichtlichen Stahlträger hindurch die glatten Betonfüsse des neuen Hebewerkes. Ich muss an die Weltrekorde vom letzten Jahr denken, die Georgs Tochter im Internet bestaunt, und in deren Präsentation schon steht, seitdem übertroffen…

Der Rückweg nach Niederfinow ist gegen den Wind nochmal deutlich anstrengender, und wir sind glückliches geschafft zu haben, und die Boote sicher angebunden zu haben, bevor uns Wind und Regen in unsere Zelte treiben.

Glück mit dem Wetter merkt man am besten, wenn man gerade noch Zeit hat sich vorzubereiten und nur leicht angefeuchtet unter einer Plane sitzt die einem die Tonspur des nasskalten Wetters wie eine Verstärkermembran hörbar macht.

Schon verschwinden die schwülheissen Sommertage am Campingplatz in der Erinnerungskiste, farbenfroh eingepackt in einen wunderschönen Abschied, zu dem sich viele Gäste und ein Akkordeon auf dem Deich eingefunden haben. Erstaunlicher und erfreulicher hätte der Gegensatz zu unserer Ankunft nicht sein können, und ich war sehr berührt von dieser Geste. Pünktlich haben wir abgelegt und sind in Richtung Schleuse davongetreten.

Dass wir nach 50 Metern wieder anhalten mussten um auf die Schleusung zu warten war in diesem festlichen Verabschiedungsakt geradezu perfekt inszenierte Komik…

Nun liegen unsere Boote dichtgedrängt in Niederfinow, und als gestern Abend das graue Abendlicht im Regen die Farben verblassen lässt, entsteht ein Eindruck von einem kleinen Weiler der den Häuschen am Kanal auf einmal ähnelt. Unaufdringlich und bescheiden zwischen den Uferweiden. Ein Anblick der in mir das Gefühl auslöst am richtigen Ort zu sein, wie eingebunden in diese Ufergemeinschaft.

Natürlich kommt dieses Gefühl auch davon dass wir unsere nächsten Gastgeber gerade kennengelernt haben. Wir haben sogar schon das erste Abenteuer zusammen bestanden, beim Einrichten eines provisorischen Steges an ihrem Grundstück.

Gemeinsam sind wir nass und dreckig geworden und haben es nicht geschafft den Schlick am Grund zu vermeiden in dem ich neulich den ersten Blutegelbesuch meines Lebens bekommen habe. Noch so ein Raubtier, wer weiss, vielleicht wird ja eine Nummer für meine Show daraus, für zukünftige Auftritte, in denen dann unsere ganze auf der Finowreise gesammelte Erfahrung einfliessen wird.

Ich merke deutlich, die letzte Woche ist angebrochen und bringt ihre eigene Stimmung mit. Ihre eigene Herausforderung, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren während man schon das Bald und das Danach im Blick haben muss.

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.

Aber man kann es jedes Mal geniessen.

Vor ein paar Tagen wollte ich wieder Reisebuch schreiben, habe Zeit gefunden mich hinzusetzen, saß da und wusste nicht wie ich anfangen soll. Das war mir bis dahin noch nicht wirklich passiert, und ich habe eine Weile gebraucht um zu verstehen woher diese kleine Schreibblockade kam. Ich hatte Angst mich zu wiederholen.

Ich hatte das erste Mal das Gefühl die Situationen und die Gefühle die ich beschreiben wollte, hatte ich nicht das erste Mal auf dieser Tour. Na gut, dachte ich, vielleicht ist das ja der richtige Moment, wenn ich jetzt dieses Gefühl habe, dann ists ja nur folgerichtig wenn die Tournee jetzt bald vorbei ist.

Aber alles ist so verändert.

Auch wenn die Tage jetzt natürlich denen ähneln die ich zu Beginn unserer Reise beschrieben habe. Wie könnte es anders sein, seit drei Wochen bin ich mit den Booten und den Auftritten beschäftigt, Parallelen tauchen auf, zum Glück, das heißt zuallererst dass meine neu gesammelten Erfahrungen mir schon jetzt gute Dienste leisten können.

Gleichzeitig ist nichts gleich geblieben, es ist keine Wiederholung, es ist ein neues Erleben. 

Das Fahren ist nicht mehr das Gleiche. Es ist fast schwierig, diese beeindruckte Ehrfurcht wiederzufinden, mit denen ich den Booten auf dem Kanal das erste Mal gegenüberstand. Ich fühle mich nicht mehr überfordert vom approximativen Fahrverhalten meines Bootes. Kann ich wirklich auf einmal so gut fahren? Oder habe ich mich nur daran gewöhnt, dass es sich so verhält wie es sich eben verhält. Habe ich gelernt die erforderlichen Schritte einzuschätzen die das Boot so gegen die Strömung lenken, dass es sich von selbst an den Anleger schiebt und in die gewünschte Position schwenkt, weil ich ein Seil anbinde und den Rest des Bootes darum kreisen lasse? Oder habe ich mich nur daran gewöhnt dass es nie genauso funktioniert wie ich es mir ausgedacht habe, und vertraue jetzt auf die Weichheit des Wassers und der Bewegung schwimmender Objekte?

Ich weiß es nicht.

Auch das Wohnen und Schlafen auf den Booten fühlt sich richtig und einfach an. Ich muss nicht mehr überlegen wenn ich den Antrieb zusammensetze, ich muss mir das Zelt nicht mehr neu ausdenken um es über sein Gestell zu entfalten und für die Nacht einzurichten.

Ist das weniger Worte wert? Weniger Zeilen in diesem Tagebuch? Ich weiss es nicht.

Aber der Eindruck in mir ist stark. der Eindruck Weg zurückgelegt zu haben. Nicht Kilometer. Einen Weg gegangen zu sein.

Georg und ich müssen zu den Fahrzeugen die in den Familiengärten stehen. Wir fahren die baumbestandene Einfahrt entlang und halten beide kurz die Luft an, weil wir beide den starken Gegensatz bemerken, zwischen der Zeit die rasend schnell vergangen ist seit wir unsere Reise angetreten haben, und der Ewigkeit die zwischen uns und unserer ersten Ankunft hier zu liegen scheint. Als wäre das schon ewig her…

Schwer einzuschätzen.

Viel einfacher ist es da, bei dem Nachbarschaftsfest anzukommen bei dem wir unsere Stücke spielen. Wir treten in einen Garten am Kanal ein, die Kinder sind nett und neugierig, die Erwachsenen sind mit den Vorbereitungen beschäftigt, mitten in der Woche werden sich ein paar Familien zusammenfinden und unsere Anwesenheit zum Anlass für einen kleinen festlichen Abend nehmen.

Schon nach wenigen Minuten sind wir einfach da und ich wundere mich nicht mal über die Einfachheit das Ankommens hier. Als die ersten Gäste eintreffen sind wir schon ein Teil des Abends, ein Teil des Gartens und richten unsere Spielorte in verschiedenen Winkeln des großen Gartens ein. Sogar Etta, die erst jetzt, nach ein paar Tagen Abwesenheit von der Tournee wiederkommt, findend sofort ihren Platz, fühlt sich ohne Eingewöhnungszeit ebenso willkommen wie wir.

Ein kleiner Kreis aus Nachbarn und Freunden findet sich ein und nach dem Abendessen spazieren sie durch den Garten und machen Station vor den kleinen Shows, die wir ihnen anbieten. Ich bin berührt davon, wie froh ich mich fühle ins zuhause wildfremder Leute eingeladen zu werden und ihre Aufmerksamkeit zu empfangen wie ein Geschenk, und ich bin noch glücklicher als einer unserer Gastgeber an Schluss ein paar Worte sagt und  seine eigene Freude zum Ausdruck bringt, sein Gefühl ein Geschenk von uns erhalten zu haben.

Nur zwei Tage später habe ich die Gelegenheit in einem weiteren Garten meine Raubtiere zu spielen, ein Zirkuswochenende beginnt mit vierzig Kindern, und wieder tauche ich ein in eine ganz andere Welt, wieder kann ich mit meinem Stück in die Augen anderer Leute eintauchen. Ehrlich gesagt rede ich so viel davon weil ich mich so freue dieses neue Stück zu entdecken, die Möglichkeiten die sich mir bieten jeweils neue Stimmungen aufzunehmen und zu verarbeiten. In diesem dunklen, wilden Garten mit den Kinderaugen vor mir entsteht ein völlig anderes Stück als auf dem Marktplatz im Sonnenschein. Stimmungen die ich nicht planen kann, die ich nicht vorhersehen kann, Stimmungen in die ich eintauche und aus denen ich meine Aufführung erst forme.

Und wieder sinkt die Sonne über einem schönen Garten in dem ich zu Gast bin, wieder fühle ich die Großzügigkeit dieses Projekts das es mir ermöglicht über meine Kunst in einen so angenehmen Austausch mit den Leuten zu treten die uns ihre Türen öffnen.

Und ich trete gerne ein.

Festival der leisen Geste – ein vorläufiger Abschluss…

Wir biegen in Finow vom Kanal ab, in das kleine Becken mit den Anlegern und der Rampe zum Auswassern der Boote. Während wir die Teufelsbrücke durchfahren, die mit ihren Stahlaugen das Leben am Wasser und am Ufer überwacht, fallen die ersten Regentropfen und lassen ihre kleinen Kreise im stillen Wasser aufblitzen. Georg und ich müssen lachen beim Einfahren, während unsere Boote an den Steg unter die Erlen gleiten fällt eine Spannung von uns ab, und als es zwei Minuten später regnet sind die Boote schon unter ihren Zeltplanen geschützt.

Die Erleichterung ist tatsächlich enorm, weil wir in den vergangenen 24 Stunden all die Kilometer Kanal wieder abgefahren sind die wir in den drei Wochen Tournee kennenlernen durften. Weil uns Regen den ganzen Tag angekündigt wurde, und wir es nun doch geschafft haben in diesen sicheren Hafen einzulaufen ohne nass geworden zu sein. Weil wir trotz der neuesten technischen Probleme, trotz unserer Zweifel, trotz der Unterbesetzung der Boote und unserer Müdigkeit eine weitere große Etappe geschafft haben.

Die ganze Fahrt, diese ganzen Tage und kleinen Etappen, jeden Zwischenhalt den wir gemacht haben um am Ufer und im Umland etwas zu erleben, wir konnten sie alle in dieser letzten Fahrt Revue passieren lassen und ein bisschen wiedererleben.

Aufgebrochen sind wir diesmal nach dem Guten Morgen Eberswalde am Barnimer Brauhaus. Wir haben uns ein letztes Mal alle getroffen. Georg und ich, mit Etta und Inka, mit Udo und seiner Crew, und tatsächlich mit sehr viel Publikum, darunter auch ganz viele Zuschauer die wir in diesen drei Wochen schon kennenlernen konnten. Leute die wiederkommen, und wieder mit ihrer Aufmerksamkeit unsere verschiedenen Räume und Ecken ausleuchten. Eine kleine Reise an sich. Zwischen dem Bahnhof Niederfinow mit seiner alten Panzerverladerampe, und der Brauerei gegenüber mit ihrem kleinen Hof und ihren lauschigen Gärten, liegen Welten. Welten die gefüllt sind mit Gesprächen, Zusammentreffen und Neugier.

Wir müssen los, wir müssen auf die Boote. Wir müssen uns auf den Kanal, auf den Weg, machen. Und schaffen es fast nicht uns loszureißen von dem Austausch der entstanden ist, der auf immer mehr geteilter Erfahrung aufbauen kann.

Auch am Anleger sind noch Leute, und das ist ein Glück, denn einige von ihnen kommen mit uns um zu versuchen uns zu helfen gegen die leichte Strömung anzutreten. Um uns zu helfen unter der Kippbrücke durchzukommen, die ein klein wenig zu niedrig für uns ist und sich doch nicht zum erhofften Zeitpunkt öffnet. Und einfach um zu winken.

Wir sind ein bisschen eingelassen worden. Wir konnten ein bisschen ankommen. Wir haben versucht unsere Augen zu öffnen und unsere Umgebung zu sehen. Wir haben uns darauf eingelassen. 

Wir haben die Gelegenheit genutzt um etwas zu zeigen. Uns zu zeigen. Das was wir tun und die Art wie wir leben. Unsere Fortbewegung, unsere Behausung, unsere Küchen, wurden ebenso wahrgenommen wie unsere Auftritte, unsere Kunst und unsere Lebensgeschichte die zu dem führt was wir hier machen. Ganz sicher haben wir aber auch etwas ganz anderes gezeigt. Sichtbar wird das auf ganz deutliche Art und Weise, als uns klar wird, dass alle die uns nun auf den paar Kilometern Kanal begleiten, in all den Jahren die sie nun an seinem Ufer wohnen, noch nie auf ihm gefahren sind.

-Da müsst erst ihr aus aller Herren Länder kommen, damit ich endlich mal schleuse…

-Ach so. Stimmt. Wir wollten Euch ja auch Eure Umgebung neu zeigen. Wir wollten Euch ja eine andere Perspektive geben. Wir wollten Euch ja Eure Welt neu entdecken lassen. Zumindest wollten wir es versuchen…

Manchmal erreicht man Ziele die man sich vorgenommen hat, von denen einem aber gar nicht klar war wie sie aussehen würden. Vielleicht ist das dann ein Abenteuer?

Als dann am nächsten Abend keine Boote mehr im Wasser liegen, weil wir vier Mal mit dem Hänger hineingegriffen haben wie mit einer Schöpfkelle, weil wir wieder in Einzelteile zerlegt haben, was uns drei Wochen lang als Haus, Werkstatt und Fahrzeug gedient hat, weil wir einsortiert haben was wir scheinbar nachlässig aufgefächert hatten, als dann die Sonne untergeht über dem leeren Becken und uns die Teufelsbrücke nochmal zuzwinkert, da erinnert mich diese Fahrt doch sehr an die Zirkuszelte und die Festivals die ich abgebaut habe, und die einen leeren Platz hinterlassen, wo eben noch ein kleines Theater, eine kleine Stadt gelebt hatten. Leicht fühlt es sich an, einfach, spielerisch. Eine Welt entstehen zu lassen in der Menschen sich treffen können, in der wir uns kennenlernen durften, und wachsen konnten an dem gemeinsamen Erleben.

Das Wasser kräuselt sich im leichten Wind und ich kneife die Augenlider zusammen gegen das gleißende Licht. Aber hinter mir, an den Ziegeln der alten Fabriken, an den Blättern der alten Bäume, da tanzen die Projektionen und Reflektionen der kleinen Wellen und ihr Schauspiel blendet nicht. Es macht kein Geräusch, es drängt sich nicht auf. Spuren einer Bewegung, lesbar an jeder Oberfläche.

Vielleicht kann man auch unsere Spuren noch lesen wenn wir schon weg sind, leise, unscheinbar, flüchtig wie der Windhauch auf dem Kanal.

Und vielleicht sind wir ja gar nicht weg…

Ich schwanke…

Gerne…

Danke, Julian…

Mitgewirkt haben außer Udo Muszynski und seinem Team noch unzählbar viele Personen, noch mehr Hände, Füße, Augen und Ohren. Danke.

Mitgefahren sind Georg Traber, Julian Bellini, Etta Streicher, Benoît Vivien und Myrtille Harris, Béatrice Graf, Inka Arlt, Sara Hasenbrink und Marion Noëlle, sowie Lilo, Lilou, Pimprenelle, Ole und Alfons

www.traberproduktion.ch

http://lebellini.blogspot.com/

https://ettastreicher.wordpress.com/

https://cievoilalenchantement.wordpress.com/

www.beatricegraf.ch

www.inkaarlt.de

www.hasenbrink.org

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Familiengarten Eberswalde, Barnimer Brauhaus GbR, Atelier Gudrun Sailer, Keramik Atelier Andrea Forchner & Stefan Laub

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